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Otto Hanus Wie viel Qualität brauchen wir - und wozu? Vortrag auf der Fachtagung am 29. November 2006 von Regenbogen Wohnen – Sichert Qualitätsmanagement die Zukunft von sozialen Organisationen?
Sehr geehrte Geschäftsführung von Regenbogen Wohnen, sehr geehrte Damen und Herren, ich bedanke mich für die Einladung der Geschäftsführerinnen von Regenbogen Wohnen zum Thema "Wie viel Qualität brauchen wir – und wozu?" sprechen zu dürfen. Also - wie viel Qualität brauchen wir – und wozu? Bei der Frage, wie viel Qualität brauchen wir?, gibt es eine verlockende Antwort: So viel wie möglich. Bei der Frage, wozu?, mag man unterschiedlicher Meinung sein. Inzwischen hat sich ein Markt entwickelt auf dem das
Management von "Qualität" verkauft wird. Man muss es teuer bezahlen. Ein
Berater kann eintausend Euro pro Tag kosten. Aber wofür genau bezahlt man
derartig viel Geld? Kann man sich vielleicht diese nicht unerheblichen
Ausgaben sparen? Hat man überhaupt die Wahlmög- Ohne Zweifel wird man sich wünschen, dass soziale
gesundheitsfördernden Berufe qualifiziert ausgeführt wer- Nun frage ich mich: Was versteht man umgangssprachlich
unter "Qualität"? Wo kommt dieses Wort her? Es kommt, wie so vieles aus dem
Lateinischen und bedeutet die Beschaffenheit, die Eigenschaft
oder den Wert einer Sache. Eine phänomenologische Analyse zeigt uns,
dass jeder dieser drei Begriffe etwas anderes aus- Was also könnte gemeint sein, wenn in sozialen
gesundheitsfördernden Tätigkeiten von "Qualität" die Rede ist, die gemanagt
werden soll? Die Beschaffenheit kann es nicht sein, weil wir es mit
keiner Substanz zu tun ha- Es hat eine Zeit gegeben, da wurde die Arbeit im sozialen
Aufgabenbereich nicht nach den Kriterien des Qua- Wenn sie eine Sache – egal welche – so gut machen, wie
sie können, ohne dabei an ihre eigenen Vorteile zu denken, dann haben sie es
mit einer ethischen Handlung zu tun, sofern diese Handlung dem Wohl des Men- Dem gegenüber steht das Qualitätsmanagement dessen
Aufgabe ich darin sehe, Ethik zu ersetzen. Und wa- Es ist eine Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft
leben in der es völlig selbstverständlich geworden ist bei allem, was man
tut nur noch an sich selbst zu denken und sich daran zu orientieren, was
und wie viel man für das, was man tut bekommen kann. Diese inzwischen
allgemein gültige Weltanschauung geht auf den Ameri- Natürlich hat man auch die Erfahrung gemacht, dass diese
Orientierung am Eigennutz nicht nur ihre stillen, sondern durchaus
schreiende Schattenseiten hat, die nicht zu überhören sind. Es ist jedoch
bemerkenswert, wie gut die Gesellschaft mit diesen Schreien leben kann. Das
ist auch weiter kein Problem, wenn man sich Ethik versus Qualität. Was ist der Unterschied? Bei einer Ethik des Handelns orientiert sich der Mensch
nach bestem Wissen und Gewissen daran alles, was Wie man sich vielleicht vorstellen kann, beruht eine
solche relativ einfache Ethik des Handelns darauf, dass Blenden wir zurück zur Ethik. Wäre die Ethik vielleicht eine Hilfe? Von dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima gibt es ein Buch mit dem Titel "Zu einer Ethik der Tat." Er beschreibt darin eine Ethik des Handelns, die - vereinfacht dargestellt - auf drei grundlegenden Entscheidungen beruht, die alle drei gleichrangig zu berücksichtigen sind, was konsequent bedeutet: Einer ethischen Handlung müssen drei Entscheidungen zugrunde liegen: - Die Entscheidung zum Leben Das klingt irgendwie vernünftig. Kaum jemand dürfte ernsthaft der Meinung sein, dass man auf das Leben, dass man auf das Gute und dass man auf die Effizienz bei Handlungen verzichten sollte. Wo man in den Taten das Leben, das Gute und die Effizienz nicht beachtet, merkt man die Folgen auf unangenehme Weise. Ich habe eine ideelle Koexistenz zwischen dem Leben, dem
Guten und der Effizienz angesprochen. Macht das Sinn? Vermutlich wird
niemand die Effizienz von Handlungen in Frage stellen; aber wozu brauchen
wir im Zu- Ein Beispiel. Wenn jemand ein Unternehmen leitet in dem Antipersonenminen produziert werden, dann kann er sich dafür entscheiden, die dafür erforderlichen Fertigungsprozesse optimal zu rationalisieren und erreicht damit effiziente Handlungsabläufe in der Produktion. Aufgrund dieser Optimierung lassen sich die Antipersonenminen gewinnbringend herstellen und verkaufen. Wie sieht es mit der Entscheidung zum Guten aus? Im Sinne der Handlungsethik Mishimas ist nicht das moralisch Gute gemeint, sondern das funktional Gute. Ein Stuhl zum Beispiel ist dann gut, wenn er nicht wackelt. Ein Messer ist dann gut, wenn es schneidet. Antipersonenminen sind dann gut, wenn sie explodieren. Und wie ist es mit der Entscheidung zum Leben? Im Rahmen dieses Beispiels hat diese Entscheidung nicht stattgefunden. Im Gegenteil. Der Entscheidung, gut funktionierende und effizient hergestellte Antipersonenminen zu produzieren liegt ein gegen das Leben gerichtete Entscheidung zugrunde. Deshalb lässt sich sagen: Die Handlungen, die eine Antipersonenminen-Produktionen ermöglichen, weichen von einer Ethik der Tat ab, weil nicht alle drei Entscheidungen gleichrangig berücksichtigt worden sind. Ein anderes Beispiel. Jemand leitet eine Klinik für
kosmetische Operationen. Man hat dafür gesorgt und sicher- Wenn sie sich diese Trilogie der Handlungsethik genau betrachten, werden sie feststellen, dass sie nicht von der Idee einer Maximierung des Profits dominiert wird. Das schließt jedoch nicht aus, dass man mit einer Ethik der Tat auch Geschäfte machen kann Richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf das
Qualitätsmanagement. Wie ist "Qualität" eigentlich zu ver- Qualität ist der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderungen erfüllt Oder: Qualität ist die Übereinstimmung zwischen den festgestellten Eigenschaften und den vorher festgelegten Forderungen einer Betrachtungseinheit Oder: Qualität ist die Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen Offensichtlich ist "Qualität" gedanklich schwierig zu
erfassen, so dass man das Verstehen in Kategorien ein- Bei einem transzendenten Qualitätsverständnis orientiert man sich am Guten, Schönen und Richtigen. Das hat irgendwie mit begreifbaren und nicht mehr begreifbaren Eigenschaften zu tun. Bei einem produktbezogenen Qualitätsverständnis
würde man sagen, dass es um eine Optimierung der Beschaffenheit von
Substanz geht. Das ist keineswegs neu. In einem Rezeptbuch für
magische Proze- Ein kundenbezogenes Qualitätsverständnis misst den Grad einer Leistung mit der die Bedürfnisse eines Kunden erfüllt werden. Ein wertorientiertes Qualitätsverständnis hat
das günstigste Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen Schließlich gibt es noch ein fertigungsorientiertes Qualitätsverständnis. Für soziale Arbeitsfelder ist es jedoch nicht von Bedeutung, weil keine Objekte produziert werden. Dieses vielfältige Verständnis von Qualität wird als
"Qualitätsmanagement" bezeichnet und ist keine einfache Sache. Um dieses
Qualitätsverständnis zu verwirklichen, das heißt: in Form von Resultaten
herbeiführen zu können, hat man das Qualitätsmanagement aufgefächert in
Qualitätsplanung / Qualitätslenkung /
Qualitäts- Das erfordert natürlich Experten. Damit ein Experte
dieses Produktpaket verkaufen kann, muss er die Insti- Das Ganze funktioniert aufgrund der Idee der
Notwendigkeit eines Qualitätsmanagements der Geschäftspro- Aber hat uns die Henne des Qualitätsmanagements vielleicht ein faules Ei gelegt? Schlagen wir dieses Ei auf und schauen uns an, woraus es besteht. Der Kern des Inhalts ist die Formulierung "eine höhere
Qualität des Produkts im Sinne der Kundenorientierung". Was bedeutet das? Je
nachdem welches Qualitätsverständnis man zugrunde legt, kann es etwas
Anderes be- Das ist kein Problem, wenn es um die Herstellung von
Autoteilen geht. Es ist aber ein Problem, wenn wir es Ich will ihnen das anhand eines Beispiels verdeutlichen.
Qualitätsmanagement ermöglicht ein optimiertes Wachstum von Tomaten. Sie
wachsen und reifen schneller, werden alle gleich groß und haben eine für
Lage- Sie sehen: Man kann nicht unbedingt und in jedem Fall
davon ausgehen, dass die Ethik durch Qualitätsmana- Übertragen wir dieses Beispiel auf soziale
Dienstleistungen, die von einem öffentlichen Geldgeber bezahlt wird. Er wird
daran interessiert sein, dafür möglichst wenig Geld ausgeben zu müssen.
Deshalb wird der Geldgeber von den sozialen Diensten einen Nachweis für
deren optimierte Leistungen verlangen. Dazu müssen sich die Institutionen
einen Qualitätsmanager kaufen. Das kostet sehr viel Geld, das nicht von der
öffentlichen Hand kommt, sondern vom sozialen Dienst aufgebracht werden muss.
Ich weiß von einem Fall in dem eine Institu- Zu solchen Ausgaben kommen noch die erheblichen Kosten an
Arbeitszeit dazu, die aufgewendet werden muss, um die Arbeitsroutinen nach
den Gesichtspunkten der Qualitätsplanung, Qualitätslenkung, Qualitäts- Diese Ausführungen möchte ich mit einem Hinweis abschließen, der für gewöhnlich am Anfang eines Romans erscheint: "Hinweise oder Ähnlichkeiten zu existierenden Personen oder Institutionen sind nicht beabsichtigt."
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