Birgit Naphausen


Neue Wege gehen - die freien Gesundheitsberufe


Die Frankfurter Gespräche gehen mit dem bekannten Logo und neuem Namen in das Jahr 2008: 
Freie Gesundheitsberufe – Dachverband für beratende und Gesundheit fördernde Berufe.

Dieser Namenswechsel ist Ausdruck sich profilierender Identität; er steht für den fortschreitenden Prozess 
eines jungen Verbandes, der sich für Qualität und Transparenz in den freien Gesundheitsberufen aufgestellt hat.

Aufgrund unserer Erfahrungen in der Gesundheitspraxis und in der berufspolitischen Arbeit können wir heute Eckpunkte unseres Leitbildes diskutieren. Damit werden die Grundsätze transparent, die eine eigenständige Qualitätsentwicklung der freien Gesundheitsberufe tragen; Orientierungspunkte, wohin es gehen soll, werden markiert.

Qualität

„Qualitas" meint in seiner ursprünglichen Bedeutung die eigenschaftliche Beschreibung von Zuständen. Inter-
essant dabei ist, dass Qualität per se wertfrei ist; Qualität ist weder gut noch schlecht. Qualität beschreibt wie etwas ist. Erst bezogen auf ein WOZU erhalten wir Information darüber, ob die wahrgenommenen Eigenschaften dem entsprechen, das wir erreichen wollen. So fungiert die qualitative Bechreibung von Zuständen als ein sensi-
bler Wahrnehmungsparameter; er gibt uns Orientierung über Stimmigkeiten und Unstimmigkeiten zwischen Ist-Zustand und Zielvorstellungen, zwischen unserem Denken, Fühlen, Handeln und vielem mehr.
Diese phäno-
menologische Perspektive erfordert eine vorurteilsfreie Wahrnehmung, sowie ein kritisches und interaktives Überprüfen von Gewohnheiten, Überzeugungen und Werten.

Dieses Instrument der eigenschaftlichen Beschreibung von Zuständen in lebendigen Prozessen eignet sich, um die verschiedensten Zustandsebenen (Ebene der Ziele, Gefühle, Handlungen, Interaktionen, Arbeitsstile, Werte uvm.) bewusst zu machen und zu nutzen für das, was erreicht werden soll.

Ganzheitliches Menschenbild

Der Dachverband der freien Gesundheitsberufe vereinigt ausdrücklich solche Gesundheitsberufe, die sich einem ganzheitlichen Menschenbild verpflichtet fühlen. Was meint ganzheitlich in praktischer Konsequenz? Auch in unseren Kreisen entsteht oft der Eindruck, dass dieses große Wort sehr vage alles und gleichzeitig nichts ver-
mittelt.

Darüber, dass körperliche, seelische, geistige und soziale Funktionen des Menschen sich wechselseitig be-
wirken, besteht heute ein Common-Sense auch in den wissenschaftlichen Disziplinen. Mit analytischen Funk-
tionsmodellen „beweisen" uns Forschungsergebnisse aus der Neurologie und Neuropsychologie, der Biophysik und Biochemie, der Anatomie, Physiologie u.v.m., dass ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Systeme menschliches Funktionieren und Leben bedingt.

Obwohl diese logischen Funktionszusammenhänge dem Verstand einleuchten, scheint mit dem Begriff ganz-
heitlich
noch etwas darüber hinaus Reichendes angesprochen zu werden. Was ist es, was den wissenschaft-
lichen Erklärungen fehlt?

Die Wahrnehmungspsychologen drücken dieses Fehlende so aus: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Was genau ist dann dieses mehr? Die Fuzzy-Logiker verwenden eine mathematische Gleichung für die-
ses mehr:
2 + 2 = 5. Eine numerische Aussage, die Kontemplation verdient. Der Philosoph Martin Buber meint (vielleicht) dasselbe mit dem dialogischen Prinzip; bei ihm ist das Erleben gegenseitiger Berührung und Bewe-
gung zwischen Ich und Du Kernpunkt seiner Erkenntnisse.

Kollegen und KollegInnen sprechen gerne von Spiritualität bei diesem Phänomen ganzheitlichen Erlebens, wel-
ches sich einem rationalen Zugang entzieht.
Das Erleben von ganz-sein ist eine Erfahrung. Als ganz erleben wir z.B. solche Phänomene, die sich in unserer sinnlich-mentalen Wahrnehmung mit einer hohen Stimmigkeit ma-
nifestieren.

Als stimmig erleben wir auch solche Wechselwirkungen, die eine hohe Resonanz erzeugen: dabei verursacht 
die Schwingung eines Systems ein Mitschwingen oder Mitklingen anderer schwingungsfähiger Systeme durch Übertragung der Eigenbewegung auf diese.
Als ganzheitlich erleben wir auch solches Handeln, das stimmig hinsichtlich der Kontexte und der zugrunde liegenden Motive, Werte und der Identität des Handelnden erscheint.

Wenn wir also Kriterien für ein ganzheitliches Handeln in den Gesundheitsberufen benennen wollen, dann könnten diese sein: Stimmigkeit und Resonanz. Ein Handeln also, welches Stimmigkeit und Resonanz nach innen (intrapersonal) wie nach außen (in Beziehung zur mitmenschlichen, organischen und m Umwelt) bewirkt. Ein Handeln, welches intersubjektiv als stimmig erlebt wird und als Lebensimpuls Schwingung erzeugt.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine ganzheitliche Gesundheitspraxis? Es gibt Unterschiede: Eine Kunsttherapeutin kann schöne Bilder malen lassen und dazu handwerkliche und künstlerische Techniken vermitteln. Sie kann auch den Gestaltungsprozess in Beziehung setzen zum Ausdrucksverhalten und Erleben des Gestaltenden, zu dem, was erreicht werden will, zur Lebenssituation, zu den Wirkungen, die das gestal-
tende Ausdrucksverhalten hat und zu den Analogien, die sich im Bild wie im Leben zeigen.
Ein Yogalehrer kann ein sportives Übungssystem vermitteln. Er kann auch mentale Konzentrationshilfen geben, die Körperwahr-
nehmung und die Gestaltung des Atems lenken, auf Spannung und Entspannung aufmerksam machen, Anlei-
tungen für die Ausführung der Übung geben, bewusst machen wo Energie fließt und welche Chakren aktiviert werden, welche Asanas welche psycho-mentalen Wirkungen entfalten u.v.m.

Für ein ganzheitliches Handeln formulieren wir die Leitfrage: Wie kann ich so intervenieren, dass in hohem Gra-
de stimmige Wechselwirkungen und Resonanzen entstehen?
Diese Leitfrage steht als qualitatives Bindeglied 
für die vielfältigen Methoden, die wir in den Freien Gesundheitsberufen zusammen führen. Jeder Gesundheits-
praktiker, egal in welcher Methode er ausgebildet ist - sei es Atemarbeit, Bewegungsarbeit, Muskelarbeit, psy-
chomentale Arbeit, kreative Gestaltungsarbeit oder spirituelle Praxis – kann diese Frage anwenden, um immer wieder die Stimmigkeit des eigenen Handelns nach innen wie nach außen zu prüfen und auszubilden. Reso-
nanz auf sein Handeln erfährt er in sich selbst und in den Resonanzen aus seiner umgebenden Welt.

Gesundheit

Als gesund bezeichnet sich ein Mensch in der Regel dann, wenn er sich mit seinem Körper, mit seinem Han-
deln, Fühlen und Denken und mit seiner Mitwelt in Einklang erlebt. Gesundheit ist kein Zustand, sondern die Fähigkeit des einzelnen, unter wechselnden Lebensbedingungen immer wieder in Einklang mit sich selbst und mit seiner umgebenden Welt zu gelangen. Gesund ist der Mensch, der gelernt hat, mit Erkrankungen so um-
zugehen, dass sie zur Gesundung führen und der so seine Gesundheit fördert. Ziel ist nicht Heilung oder Heil-
sein als fixierter Zustand, sondern die Kompetenz, immer wieder Wege des Heilwerdens zu erkennen und zu gehen. Die von den FG vertretenen GesundheitsberaterInnen, LehrerInnen und BegleiterInnen sehen ihre Aufga-
be darin, mit ihren KlientInnen solche Wege zu erforschen, sie zu erproben und zu praktizieren.

Das Gesundheitsverständnis der FG beruht auf der salutogenetischen Prämisse, dass der Mensch in Eigen-
verantwortung Gesundheit gestalten kann durch Selbstwahrnehmung, Selbstverantwortung und Selbstverwirkli-
chung.
Zur Praxis der freien Gesundheitsberufe gehört deswegen die Schulung der Selbstwahrnehmung und der Kontexte, in die der Einzelne gestellt ist; die Unterstützung zum Selbstausdruck und zur Selbstbestimmung;  
die Förderung der Selbstgestaltung und das Bewusstsein zur Selbstverantwortung.

Wie unten so oben

Dieses hermetische Gesetz besagt, dass Analogien bestehen im Oben wie im Unten, im Innen wie im Außen, im Kleinen wie im Grossen.

Wenn wir dieses Analogiegesetz auf die berufspolitische Arbeit der FG anwenden wollen, dann entsteht eine zwingende Notwendigkeit: Nur das wird nach außen seine Wirkungen entfalten, was wir im Innen, in der Ver-
bandsarbeit, an uns selbst und untereinander verwirklichen. Dies mag eine etwas ungewöhnliche Sicht auf Ver-
bandsarbeit sein, aber sie scheint da nützlich, wo die Kongruenzprüfung zwischen innen und außen, Wollen 
und Tun leicht im Eifer des Gefechtes vernachlässigt wird. Leider zeigen die Erfahrungen unter politischen Vorzeichen immer wieder ein Gebaren, das dazu dient, ungeprüfte Glaubenssätze durchzu-
setzen, persönliche Machtinteressen auszuagieren, Harmonie zu erzwingen.

Mit einem Bewusstsein um diese Zusammenhänge hat der Dachverband von Anfang an mit einer großen Be-
reitschaft zu Selbstkritik und Selbstoffenbarung seine Verbandsarbeit gestaltet. Die wirkungsvolle Zusammen-
arbeit, die erreichten Ziele, das entstandene Vertrauen und die innere Überzeugungskraft bestätigen den Wert solcher Achtsamkeit. So wird die Verbandsarbeit weiterhin dadurch geprägt sein, das vermeintlich Selbstver-
ständliche zu hinterfragen, genau hinzusehen und zu unterscheiden, um dann zu entscheiden, was wir (au-
thentisch mit uns und unseren Zielen) verwirklichen wollen

Freie Gesundheitsberufe

In der Anfangszeit hat uns ein „alternatives" Bewusstsein Orientierung gegeben: als Dach für die so genannten „alternativen" Gesundheitsberufe haben wir uns komplementär zu einer Krankheitskultur und technisierenden Medizin organisiert. Damals lag uns daran, die Unterschiede zu klären. Heute leitet uns die Vision, dass wir die Freiheit haben, gesunde Lebensbedingungen zu schaffen. Seinem Menschenbild verpflichtet geht es dem Dach-
verband Freie Gesundheitsberufe um die Freiheit

- zu Selbstverantwortung
- zu Selbstorganisation
- zu Selbstverwirklichung
- zu Selbstkontrolle

Freiheit verstehen wir somit vor allem als eine Aufgabe. Und es ist eine der schwierigsten. In zahlreichen und auch kontroversen Diskursen suchen wir immer wieder nach unserer Freiheitsbestimmung: Wie können wir diese Ziele verwirklichen? Womit wollen wir uns verbinden und wovon wollen wir uns lösen? Statt einer Antwort einige Gedanken, die den Weg zu einer freien Gesundheitskultur säumen können.

Dialog von Betroffenen

Der Mensch ist zentraler Gegenstand und Kristallisationspunkt des Dachverbandes Freie Gesundheitsberufe; 
ihn nicht aus den Augen zu verlieren, daran muss in der beruflichen und vor allem politischen Arbeit immer wieder erinnert sein. Die Faszination an politischen Strategien, persönlicher Macht und Anerkennung sind ver-
führerisch und die Gefahr ist groß, das „Wozu und für wen?" zu vergessen.

Der Dachverband steht in der praktischen Begegnung mit Menschen, die gesund leben und wachsen wollen. Dazu gehören alle praktizierenden Mitglieder in den Mitgliedsverbänden der Freien Gesundheitsberufe, die Kli-
entInnen, die die neuen Gesundheitsberufe für sich in Anspruch nehmen und all die Menschen, die sich ange-
sprochen fühlen von dem, was wir mit unserer berufspolitischen Arbeit verfolgen. Der offene Dialog mit diesen Menschen kann die Aktivitäten des Dachverbandes korrigierend oder bestätigend inspirieren.

Gesetzliche Anerkennung

Es gilt immer wieder mit höchster Sensibilität zu prüfen, inwieweit Bestrebungen nach gesetzlicher Anerken-
nung zu Freiheit oder zu Bevormundung führen. Inwieweit sie nicht eher das Bedürfnis nach Sicherheit und „väterlichem" Schutz befriedigen, um sich so den vermeintlich risikoreichen und mühsamen Prozessen zu ent-
ziehen, welche die Bewegungen des Lebens und die Kreativität mit sich bringen. Berichte von gesetzlichen Anerkennungsverfahren zeigen immer wieder, wie viel Selbstaufgabe für gesetzliche Anerkennung oft in Kauf genommen wird. In Zusammenarbeit mit Dr. Boxberg haben wir im vergangenen Jahr die Information bekommen, dass Selbstorganisation dem Streben nach berufsgesetzlicher Anerkennung vorzuziehen sei (Alles was Recht ist 1 +2, download: www.freie-gesundheitsberufe.de)

Wissenschaftliche Anerkennung

Wissenschaftliche Anerkennung erlangen wir in der Regel dadurch, dass wir anhand von messenden, verallge-
meinernden und objektivierenden Verfahren nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu so genannten gültigen Aussagen gelangen. Je häufiger dieselbe Intervention zum gleichen Ergebnis führt, umso wahrscheinlicher ist 
die allgemeine Gültigkeit unseres Handelns und seine Wirksamkeit ist damit nachgewiesen. Dieses Wissen-
schaftsverständnis bewährt sich, wenn es um mechanische Beschreibungen und identisch wiederholbare Wir-
kungsbeziehungen geht. Wir werden uns fragen müssen, inwieweit solche Verfahren naturwissenschaftlicher Provenienz auch dazu geeignet sind, subjektive Phänomene menschlchen Erlebens zu beschreiben.

Wissen zu schaffen ist in jeder individuellen Begegnung mit Klienten Teil der Arbeit. Egal, in welchem Gesund-
heitsberuf wir tätig sind, wird es immer darum gehen, dass der Klient etwas über sich und seine Möglichkeiten herausfindet, ebenso wie über die Bedingungen, die er sich selbst - oder seine Welt ihm - einschränkend oder fördernd bereitstellt. Um diese komplexen Prozesse subjektwissenschaftlich zu beschreiben, werden wir solche Forschungsverfahren entwickeln müssen, welche die Komplexität, die Individualität und Vielfalt menschlicher Dynamiken abbilden können. Statt um statistische Zahlen wird es hier um Verstehen, statt um Objektivierung um den individuellen Dialog zwischen wahrnehmenden, erlebenden, bewertenden und handelnden Menschen gehen. Ethno- und ideographische ebenso wie phänomenologisch- hermeneutische Verfahren sind in den Gei-
steswissenschaften tradierte Methoden der wissenschaftlichen Beschreibung, welche jedoch zunehmend durch ein naturwissenschaftlich rationalisierendes Denken in den Bereich der Schriftstellerei und Kunst verdrängt wurden.

Wenn die Freien Gesundheitsberufe sich wissenschaftlich etablieren wollen, werden sie im Vorfeld die Frage klären müssen, wozu sie der Forderung nach wissenschaftlicher Legitimation nachkommen wollen; und weiter, welcher Wissen schaffender Verfahren sie sich bedienen möchten, um ihr Tätigkeitsfeld angemessen zu be-
schreiben. Es gibt inzwischen ausreichende Anzeichen dafür, dass Kunst- und Kreativität (als ergebnisoffene Prozesse verstanden) den „exakten" Wissenschaften gleichwertig zur Seite gestellt werden müssen, damit das menschliche Potential in seiner materiellen und geistigen Dimension entfaltet werden kann (s.a. Adrienne Goehler „Verflüssigungen").

Neue Wege

Frei sein als Ziel ist demnach kein Zustand des Entbunden Seins, sondern ein Streben „Hin zu". Frei sein heißt, in einem hohen Maße verbunden zu sein. Bleibt zu erwarten, dass der Dachverband der Freien Gesundheitsbe-
rufe seinen Weg des „Hin zu" geht, indem er

  • seine Mitglieder kooperativ darin anregt und unterstützt, das zu gestalten, was in einer hohen Übereinstimmung mit seinem Menschenbild steht.

  • Aufmerksamkeit für die Fragen entwickelt: Wodurch übernehmen wir Verantwortung? Wo geben wir Verantwortung ab?

  • den aktiven, in Frage stellenden Dialog sowie die Transparenz der Motive fordert.

  • das Wahrnehmen und Artikulieren individueller Erfahrungen in der Gesundheitsarbeit fördert.

  • Werte und Visionen der Mitglieder in einem kontinuierlichen Procedere reflektiert.

  • Das Erkennen und Ausschöpfen kreativer Potentiale von innen heraus wie von außen anregt und fördert

  •  

    Copyright Birgit Naphausen M.A. phil. / b-naphausen@kunsttherapie.com

     

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