Otto Hanus


Kunsttherapie zwischen Wissenschaft und Illusion?

Einführungsvortrag zur Fachtagung des DFKGT am 14. Oktober 2006 im "Kleinen Theater" in Haar bei München


Sehr geehrter Herr Michal, sehr geehrter Vorstand des DFKGT, sehr geehrte Referentinnen und Referenten, 
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen -

einige von Ihnen, vielleicht sind es sogar Viele kennen Bob Dylan. Dieser Sänger hat einmal etwas Bedeutsa-
mes gesagt: "Wer nicht damit beschäftigt ist, geboren zu werden, der ist damit beschäftigt, zu sterben."

Vermutlich gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man diesen Gedanken Bob Dylans verstehen kann. Ich verstehe ihn so: Man muss das Gewohnte loslassen, um dem Neuen begegnen zu können. Wenn Sie das auch so se-
hen, dann haben Sie an diesen beiden Tagen dieser Tagung Gelegenheit Ihren eigenen Gedanken, und den Ge-
danken Anderer zu begegnen. Gedanken, die Sie dazu anregen können, das Gewohnte anders oder neu zu sehen und zu verstehen.

Die beiden Organisatoren dieser Jahrestagung: Das Forum für Analytische und Klinische Kunsttherapie und die Arbeitsgemeinschaft für psychoanalytische Kunsttherapie begrüßen Sie zu dieser Veranstaltung deren beson-
deres Merkmal ein Fragezeichen ist.

Kunsttherapie zwischen Wissenschaft und Illusion? Fragezeichen.

Hat die Kunsttherapie eine Tendenz zur Wissenschaftlichkeit, oder zur Illusion? Oder anders gefragt: Was be-
ruht in der Kunsttherapie auf Illusion und was wäre wissenschaftlich gedacht? Aber möglicherweise geht es so-
gar um etwas ganz Anderes. Vielleicht ist Kunsttherapie weder wissenschaftlich noch Illusion, sondern Kunst. Ist Kunsttherapie vielleicht Kunst

Wenn ich mich frage: Was ist es, das uns alle hier verbindet?, dann vermute ich - es ist ein gemeinsames In-
teresse an Bildern – und Sie wissen auch, weil Sie es erfahren haben: Es gibt viele unterschiedliche Bilder, de-
ren Bedeutung sich ändert, je nachdem wer sie betrachtet und wie man sie betrachtet.

Wenn wir die Funktion eines Bildes sehr weit gefasst verstehen – nicht nur als ei Abbild, sondern auch als In-
bild, als ein Muster, als eine Struktur, die Botschaften transportiert, dann kann man sagen: Bilder können die Außenwelt mit der Innenwelt verbinden.

Wir leben mit energetischen, kognitiven, emotionalen, psychischen und geistigen Bildern. Jede Form von Bil-
dung bis hin zur Einbildung hat mit Bildern zu tun. Bilder sind Muster im Gehirn, die aus komplexen neuronalen Verknüpfungen bestehen. Die Bilder im Gehirn sind eine Voraussetzung dafür, dass wir aufgrund von Handlun-
gen Bilder in der Außenwelt gestalten können.

Man könnte irrtümlich der Meinung sein, mit einem am Gehirn orientierten Verständnis des Menschen würden sich Erscheinungen wie Ästhetik, Gefühle oder Spiritualität nicht erklären lassen. Deshalb möchte ich Ihnen ein paar interessante Zahlen aus der neurologischen Forschung zeigen. Die Großhirnrinde enthält etwa einhundert Milliarden Zellen sowie eine halbe Trilliarde interneuronale Verbindungen. Wenn Sie eine Verbindung pro Sekun-
de abzählen würden, kämen Sie mit dem Zählen etwa in 32 Millionen Jahren ans Ende. Was glauben Sie, wie viele mögliche Verknüpfungsmuster es zwischen diesen Verbindungen geben kann? Es ist die Zahl zehn mit einer Millionen Nullen. Zum Vergleich: Die Zahl aller Partikel im Universum ist zehn gefolgt von 80 Nullen. Das macht vielleicht anschaulich, womit wir es beim Gehirn zu tun haben.

Ich kann philosophisch und weltanschaulich sehr gut mit der derzeitigen naturwissen-schaftlichen Erkenntnis der Bioneurologie leben, die in letzter Konsequenz sagt: Nicht Van Gogh hat die Sonnenblumen gemalt, son-
dern sein Gehirn. Nicht Mozart hat die Krönungsmesse komponiert, sondern sein Gehirn. Nicht Buddha hat ge-
sagt, dass das Leben leidvoll ist, sondern sein Gehirn. Nicht Jesus Christus hat die Liebe gepredigt, sondern sein Gehirn. Dabei muss ich an eine alte tibetische Meditationstechnik denken. Sie besteht darin, dass man sich beständig fragt: Wer ist es, der das tut? Wer ist es, der das denkt? Wer ist es, der das fühlt?

Keineswegs einverstanden wäre ich in diesem Zusammenhang allerdings mit den Interpretationen mancher Bioneurologen, die mir suggerieren wollen, dieses unermessliche schöpferische Gehirn wäre nichts weiter als ein Klumpen Biomasse, die sich durch Zufall selbst zu einem Gehirn organisiert hat. Das hat mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern mit Glauben.

Wie Sie wissen, kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Man kann Fragen stellen, oder nicht. Man kann nach Antworten suchen, oder man lässt es sein. Allerdings: Wer keine Fragen stellt, wird auch keine Antworten bekommen. Und von einer Antwort, die man bekommt aber nicht hört, hat man auch nichts.

Wilhelm Busch hat auf die Frage - was ist ein Zaun?, geantwortet: "Ein Zwischenraum, um durch zu schau' n." Das ist es, meiner Meinung nach. Es geht nicht um die substantiellen Zaunlatten, die man vermessen und ihre Bestandteile zerlegen kann; es geht um die Zwischenräume, es geht um den Ausblick. Es ist das nicht konkret Fassbare und Messbare, das uns einen Blick in die Weite ermöglicht. Deshalb wäre es verfehlt wenn wir unse-
ren Blick auf die Zaunlatten fixieren und dabei das Entscheidende übersehen: Den Blick auf die Wirklichkeit 
zwischen und hinter den messbaren Latten.

Wenn wir unsere Energie darin verschwenden eine Zaunlattenordnung mit einem dazu gehörigen Zaunlatten-
genehmigungsverfahren zu bekommen, dann hintergehen wir die schöpferischen Freiräume und machen uns blind für die Sicht in die Weite. Man kann das Gehirn wie Zaunlatten betrachten. Aber ebenso kann man es unter dem Gesichtspunkt der freien Zwischenräume verstehen.

Solange wir als biologische Lebewesen in dieser Welt leben gibt es ohne Gehirn keine Bilder. Das ist eine Tat-
sache.

Aber wie kommen die Bilder ins Gehirn, die aus dem Gehirn heraus kommen?

Bei dieser Frage müssen wir die angeborenen Bilder im Stammhirn von den erworbenen Bildern im frontalen Cortex unterscheiden. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel zeigen.

Die Nachtigall. Wie kommt die Nachtigall zum Singen? Woher hat sie ihre Melodie? Eines ist klar: Ohne ein Gesangszentrum im Gehirn, würde eine Nachtigall nicht singen können. Aber ein Nachtigallküken hat in ihrem Gesangszentrum kein Muster, kein Bild, kein Gesangs-Bild, das ihr später das Singen ermöglichen würde. Wie kommt nun das Gesangs-Bild ins Gehirn des kleinen Vogels? Indem es vom Vatervogel geduldig aufgebaut wird. Das Nachtigallmännchen singt dem Jungvogel etwas vor; wieder und immer wieder – und zwar nachts, wenn es keine Singgeräusche anderer Vögel gibt, die den Jungvogel beim Lernen irritieren könnten. Die singende Vater-
Nachtigall (die Nachtigall-Mutter hat keine Zeit zum Singen, weil sie damit beschäftigt ist das Futter herbei zu schaffen), der Vatervogel baut also durch sein Singen im Gehirn des Jungvogels ein Muster auf - ein Gesangs-
bild. Ist das nicht eine schöne Form von Übertragung?

Dem Prinzip nach ähnlich ist es auch beim Menschen. Was bei der Nachtigall das Gesangszentrum ist, das 
ist beim Menschen der frontale Cortex. Hier werden im Laufe des Lebens Bilder aufgebaut: Leitbilder, Selbst-
bilder, Ichbilder, Orientierungsbilder, Lebenskonzeptbilder und dergleichen mehr. Niemand wird mit solchen Bildern geboren. Sie werden in das Gehirn hinein gestaltet aufgrund der Tatsache, dass wir sozial interagieren und vielleicht auch denken und imaginieren.

Sie sollten aber nicht alles glauben, was die Vögel pfeifen. Vor allem dann nicht, wenn Sie nicht wissen nach welcher Pfeife der Vatervogel das Singen gelernt hat.

Nicht jedes Bild im Gehirn ist ein nützliches Bild. Es gibt auch irreführende und destruktive Bild-Muster, die das Leben eines Menschen, einer Gemeinschaft oder einer Institution prägen können. Bilder sind wie Landkarten. Sie können auch in die Irre führen, wenn sie die Realität nicht angemessen abbilden.

Außerdem gibt es alte und neue Bilder. Am stärksten wirken jene Bilder, die man bis zur Pubertät kennen ge-
lernt und verinnerlicht hat. Bietet man dem postpubertären Gehirn neue Bilder an, dann werden sie in der Regel mit den alten und bereits gelernten Bildern verglichen und tendenziell abgelehnt, wenn keine Übereinstimmung zu den alten Bildern festgestellt werden kann. Das geht unbewusst vor sich. Vor allem das Vater- und Mutterbild wirkt sich in diesem Sinn nachhaltig aus. Das kann so weit gehen, dass das Festhalten am Vaterbild infolge eines schwach entwickelten Selbstbildes dazu führt, Anerkennung beim "Vater Staat" zu suchen.

Im Unterschied zu früheren Jahren weiß man heute, dass sich das Gehirn jedoch relativ unabhängig vom Alter 
bis zu einem gewissen Grad zu ändern vermag, dass es neue Bilder aufbauten kann, wenn man es entspre-
chend aktiviert. Ein Gehirn, dem man keine neuen Bilder, keine neuen Erregungsmuster anbietet, verödet. 
Wenn man sich dieser manchmal schmerzlichen Auseinandersetzung mit alten und neuen Bildern entzieht, stirbt die schöpferische cerebrale Potenz. Ein solcher Verlust lässt sich aber nur an Hand des Unterschieds zwischen Aktualbild und Idealbild bemerken. Das heißt: Wenn man sich nicht damit beschäftigt, was möglich ist, dann koppelt man sich vom lebendigen Strom der Entfaltung des Möglichen ab und stagniert im Gewohn-
ten, das man kennt.

Das Gehirn kann sich ändern. Es ändert oder erweitert seine Erregungsmuster, wenn man es anders als ge-
wohnt benutzt. Die gewohnten Bilder im Gehirn halten uns fest. Sie haben Macht über uns und schränken unsere schöpferische Freiheit ein. Aber man kann dem Gehirn neue Bilder anbieten. Man kann die Erregungs-
muster des Gehirns über neue Bilder ändern. Das heißt nicht, dass es einfach ist. Vielleicht haben Sie schon 
bei sich selbst erfahren wie mühsam es ist, ein gewohntes Gedankenbild zu ändern. Noch schwieriger ist es, ein Gefühlsbild zu ändern, und am schwierigsten sind jene verinnerlichten Bilder zu beeinflussen, die sich so-
matisiert und darüber hinaus: vergesellschaftet haben.

Ein Leben lang begleitet und das schöpferische Gehirn, das einen Hunger nach Bildern hat. Diese Tatsache lässt sich nutzen, um über Bilder cerebrale Strukturierungsprozesse anzuregen. In diesem Zusammenhang verstehe ich unter Bilder selbstverständlich mehr als gezeichnete oder gemalte Gesichter, Bäume oder Land-
schaften. Die Bilder, die ich meine sind geistige Ordnungsmuster. Sie sind ein Masterplan für eine seelisch-
geistige Orientierung.

Ist die Kunsttherapie nun wissenschaftlich oder ist sie eine Illusion?

Geht es dabei vielleicht um Beweisbarkeit? Aber: Was ist ein Beweis? Kann ich Ihnen beweisen, dass ich der bin für den ich mich halte? Nein. Können Sie beweisen, dass ein Mensch aufgrund eines von ihm geschaffenen Bildes zu einer Einsicht gefunden hat? Nein. Können Sie das, was Sie seelisch oder geistig nennen beweisen? Abermals nein.

Ist aber etwas deswegen nicht vorhanden, weil man es nicht beweisen kann? Hat es sich deshalb nicht ereig-
net?

Im Jahr 1918 hat der Soziologe Max Weber an der Universität München in einem Vortrag über die Wissenschaft gesagt: "Der Wissenschaftler kann weder eine der großen Fragen des Lebens beantworten, noch kann er des-
sen Sinn transzendieren." Er ging sogar noch weiter und meinte, die Wissenschaften würden die Welt syste-
matisch in einen bloßen kausalen Mechanismus verwandeln, man würde sie aller spiritueller Mysterien, ihrer emotionalen Farbe und ethischer Bedeutung entkleiden.

Das ist ein starkes Bild. Eine entkleidete Welt. Eine nackte Welt. Dieses Bild zwingt beinahe zu der Frage: 
Wie zeigt sich uns eine Welt, die von Sinn, Farbe und Bedeutung entkleidet worden ist und entkleidet wird? 
Wie wirkt sich eine solche Welt auf das Seelen- und Geistesleben des Menschen aus? Ist diese Annahme eines Seelenlebens überhaupt noch angemessen und zeitgemäß angesichts der aktuellen neurologischen Forschungen und deren Interpretationen?

Was bleibt übrig vom Mysterium der Menschwerdung? Was bleibt übrig vom Sinn des individuellen Lebens, von der Bedeutung des Daseins? Was bleibt von all dem übrig, wenn wir es nicht messen und beweisen können?

Rettet uns eventuell die Kunst aus diesem Dilemma? Ja - die Kunst!

Zeigt sich vielleicht hier ein Lichtstreif am Horizont, der uns über die leidige Wissenschaft hinaus führt?

Sir Karl Popper, ein anerkannten Wissenschaftsphilosoph der zusammen mit Sir John Eccles, einem Nobel-
preisträger für Neurologie zusammen gearbeitet hat sagt: "Was ist schon nach der allgemeinen Auffassung Kunst? Kunst ist Ausdruck der Persönlichkeit. Ich, der Künstler, ich bin wichtig in der Kunst. Ich muss mich ausdrücken, eventuell muss ich sogar kommunizieren. Die Künstler sind auch nur Menschen, und wenn sie hören, dass alles Ausdruck ist, dann drücken sie sich eben aus. Das ist die Wahrheit über den Niedergang 
der Kunst: Die Oberflächlichkeit ist am Niedergang der Kunst schuld."

Man mag dieser scharfen Kritik von Sir Karl Popper zustimmen, oder sie ablehnen. Beides bringt uns nicht weiter. Deshalb schlage ich vor:

Sehen wir die Kunst realistisch. Sehen wir sie so, wie sie geworden ist: Alles, was Menschen für Kunst halten ist Kunst. Diese Definition stimmt zweifelsfrei mit den Phänomenen im Bereich der Kunst überein mit denen wir uns heutzutage konfrontiert sehen. Dabei wäre jedoch sofort zu fragen: Ist dieses Verständnis von Kunst aus-
reichend, wenn es um Kunsttherapie geht? Ist ein solches – obwohl realistisches Kunstverständnis hilfreich, wenn es um die schöpferische Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Menschen geht?

Nun kann man sich natürlich auch vom Anspruch der Kunst zurückziehen indem man das, was man als Kunst-
therapeutin oder als Kunsttherapeut tut mit Kreativität zu begründen versucht. Damit wäre man vielleicht auf der sicheren Seite, weil jede Form von Ausdruck irgendwie kreativ ist und weil sich jede Form von Kreativität als Ausdruck zeigt. So gesehen ließe sich die Kunsttherapie als therapeutische Kreativität verstehen. Man könnte auch sagen: Heilsame Kreativität. Sehen wir uns das etwas genauer an.

Die kommunikativen Wechselwirkungsprozesse zwischen Ich und Selbst, sowie zwischen Ich und Welt können als Grundvoraussetzung für Kreativität angesehen werden. Diese Kreativität ist das Resultat interaktiver Prozes-
se komplex vernetzter Funktionsniveaus im Gehirn, die ihrerseits auf Kommunikation, also auf dem Austausch von Informationen beruhen.

Wer ist der Schöpfer, der das Gras grün, die Sonnenblumen gelb und den Himmel blau macht? Die Neurowis-
senschaftler würden sagen, es ist das Gehirn –. Aber diese Antwort wäre phänomenologisch falsch. Zweifelsfrei ist es nämlich die Wahrnehmungs-Interaktion zwischen Subjekt und Objekt, die wir als den Schöpfer dieser Kunst zu betrachten haben. Für das Verständnis des Menschen ergeben sich daraus interessante Schluss-
folgerungen.

Es kann als gesichert gelten, dass es neurofunktionelle Unterschiede zwischen Selbst-Zuständen und Ich-
Zuständen gibt. Und man hat festgestellt, dass die Selbst-Zustände unmittelbarer über Bilder kommuniziert werden können, als über die begrifflich grammatische Sprache, die mit den Ich-Zuständen verbunden sind. 
Aber das bedeutet keinesfalls, dass man allein mit dem Malen von Bildern einen Therapie führenden Prozess zuwege bringen könnte. Dazu bedarf es auch der Sprache. Das scheint nicht weiter schwierig zu sein. Spre-
chen tut schließlich jeder. Aber sprechen wir auch so, dass es therapeutisch nützlich ist? Wer ist sich der Sprachbilder und seiner unbewussten Suggestionen bewusst, die er durch sein Reden erzeugt?

Als Kunsttherapeutinnen und -therapeuten arbeiten Sie mit den Bildern Ihres Patienten indem Sie mit ihm über seine Bilder reden. Hier kommt die Kommunikation ins Spiel. Das ist der verbale und sicherlich auch geistige Aspekt in einer kunsttherapeutischen Arbeit, der über das Malen von Bildern hinaus geht. An diesem Punkt 
wird es sehr interessant, wenn es um die Frage nach den Illusionen geht.

Sobald ein Kunsttherapeut oder eine -therapeutin mit einem Patienten über ein Bild redet, kommt das eigene Denken, kommt die eigene Weltanschauung ins Spiel. Wenn jemand meint, er würde die Bedeutung des Bildes eines Patienten kennen können, ohne dabei seine Subjektivität einzubringen, dann haben wir es wahrscheinlich mit einer Illusion zu tun. An solchen Illusionen ist überhaupt nichts auszusetzen. Man darf sich aber die Frage stellen: Wie hilfreich und wie nützlich sind solche Illusionen für den Patienten?

Vielleicht hört es sich trivial an, wenn ich sage: Es geht nicht um die Kunsttherapie, es geht um den Menschen. Und wenn es um den Menschen geht, dann ist zu fragen, ob man mit dem Bild eines Patienten so zu arbeiten vermag, dass diese Arbeit frei von Projektionen illusionärer Bedeutungen ist. So etwas ist möglich; aber es er-
fordert eine spezielle Form der Kommunikation und eine damit verbundene gedanklichen Askese.

Irgendwo habe ich diesen Satz gelesen: "Nichts setzt dem Fortgang der Wissenschaft mehr Hindernis entge-
gen, als wenn man zu wissen glaubt, was man noch nicht weiß."

Neueste Befunde aus der neurologischen Forschung haben gezeigt, dass die Form wie man Fragen stellt einen Einfluss darauf hat, welche Antworten man bekommt. Das hat mit der Eigendynamik des Gehirns zu tun und unterstützt die Hypothese, dass das Gehirn ein schöpferisch funktionierendes System ist. Die Konsequenz da-
raus ist: Es ist keineswegs gleichgültig wie Sie mit einem Patienten über ein Bild reden.

In den vergangenen dreißig Jahren hat man eine folgenschwere Beobachtung gemacht: Die Art und Weise, wie man über ein Phänomen spricht, hat einen suggestiven Einfluss darauf, welche Sprachbilder im Gehirn des Ge-
sprächspartners erzeugt werden. Vor allem bei Fragen ist es so, dass deren sprachliche Gestaltung eine Ein-
fluss darauf haben, welche Antworten man erhält.

Experimentelle Studien haben eindeutige Hinweise darauf geliefert, dass Patienten dazu gebracht werden kön-
nen, ihre Vergangenheit auf unterschiedliche Weise zu erinnern, dass man sie sogar dazu bringen kann, Ereig-
nisse, die niemals stattgefunden haben, zu erinnern. Etwa ein Viertel der erwachsenen Versuchspersonen ha-
ben gemeint, sich aufgrund von suggestiven Äußerungen ihres Therapeuten an einen Vorfall erinnern zu können, der sich nie ereignet hatte.

Diese Experimente sind deshalb von weit reichender Bedeutung, weil sie uns zeigen, dass man im Rahmen sogenannter therapeutischer Interventionen Pseudoerinnerungen von Geschehnisse herbeiführen kann, die gar nicht erlebt worden sind. Vor allem, wenn mit gegenständlichen Bildern und Bildthemen gearbeitet wird, die auf Vorstellungen beruhen ist es durchaus möglich, dass sich der Patient an suggerierte Erlebnisse, Gefühle oder Bedeutungen zu erinnern meint, auch wenn er sie nicht erfahren hat.

Wenn Sie solche Zusammenhänge ernst nehmen, stehen Sie vor vielen Fragen:

- Wie kann man eine unverzerrten Sicht auf die Dinge erreichen?
- Wie lässt sich ein Sehen unterstützen, das zu Einsichten führt?
- Welche Wege führen aus den kognitiven und emotionalen Verstrickungen heraus?
- Woran kann man eine seelisch geistige Ordnung erkennen?
- Was benötigt man dazu?

Man benötigt nicht weniger als

- die Ordnung und Gestaltung durch das Wort
- die Ordnung und Gestaltung durch das Bild
- die Ordnung und Gestaltung durch den Weg

Ein altes französisches Sprichwort sagt: Schlimmer als blind zu sein ist es, nicht sehen zu wollen.

Wir sind besser im glauben, als im Sehen. Tatsächlich sehen wir fast immer nur das, was wir glauben, und gelegentlich sehen wir etwas, das wir gar nicht glauben können.

Jetzt wünsche ich Ihnen, dass Ihnen diese beiden Tagungstage, dass Ihnen die Hauptvorträge, Referate und Workshops kreative Impulse für ihr kunsttherapeutisches Denken und Handeln vermitteln.


Copyright Atelier Edition Hanus / www.ottohanus.de

 

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