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Otto Hanus Einführungsvortrag zur Fachtagung des
DFKGT am 14. Oktober 2006 im "Kleinen Theater" in Haar bei München
einige von Ihnen, vielleicht sind es sogar Viele kennen
Bob Dylan. Dieser Sänger hat einmal etwas Bedeutsa- Vermutlich gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man diesen
Gedanken Bob Dylans verstehen kann. Ich verstehe ihn so: Man muss das
Gewohnte loslassen, um dem Neuen begegnen zu können. Wenn Sie das auch so
se- Die beiden Organisatoren dieser Jahrestagung: Das Forum
für Analytische und Klinische Kunsttherapie und die Arbeitsgemeinschaft für
psychoanalytische Kunsttherapie begrüßen Sie zu dieser Veranstaltung deren
beson- Kunsttherapie zwischen Wissenschaft und Illusion? Fragezeichen. Hat die Kunsttherapie eine Tendenz zur
Wissenschaftlichkeit, oder zur Illusion? Oder anders gefragt: Was be- Wenn ich mich frage: Was ist es, das uns alle hier
verbindet?, dann vermute ich - es ist ein gemeinsames In- Wenn wir die Funktion eines Bildes sehr weit gefasst
verstehen – nicht nur als ei Abbild, sondern auch als In- Wir leben mit energetischen, kognitiven, emotionalen,
psychischen und geistigen Bildern. Jede Form von Bil- Man könnte irrtümlich der Meinung sein, mit einem am
Gehirn orientierten Verständnis des Menschen würden sich Erscheinungen wie
Ästhetik, Gefühle oder Spiritualität nicht erklären lassen. Deshalb möchte
ich Ihnen ein paar interessante Zahlen aus der neurologischen Forschung
zeigen. Die Großhirnrinde enthält etwa einhundert Milliarden Zellen sowie
eine halbe Trilliarde interneuronale Verbindungen. Wenn Sie eine Verbindung
pro Sekun- Ich kann philosophisch und weltanschaulich sehr gut mit
der derzeitigen naturwissen-schaftlichen Erkenntnis der Bioneurologie leben,
die in letzter Konsequenz sagt: Nicht Van Gogh hat die Sonnenblumen gemalt,
son- Keineswegs einverstanden wäre ich in diesem Zusammenhang allerdings mit den Interpretationen mancher Bioneurologen, die mir suggerieren wollen, dieses unermessliche schöpferische Gehirn wäre nichts weiter als ein Klumpen Biomasse, die sich durch Zufall selbst zu einem Gehirn organisiert hat. Das hat mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern mit Glauben. Wie Sie wissen, kann man unterschiedlicher Meinung sein. Man kann Fragen stellen, oder nicht. Man kann nach Antworten suchen, oder man lässt es sein. Allerdings: Wer keine Fragen stellt, wird auch keine Antworten bekommen. Und von einer Antwort, die man bekommt aber nicht hört, hat man auch nichts. Wilhelm Busch hat auf die Frage - was ist ein Zaun?,
geantwortet: "Ein Zwischenraum, um durch zu schau' n." Das ist es, meiner
Meinung nach. Es geht nicht um die substantiellen Zaunlatten, die man
vermessen und ihre Bestandteile zerlegen kann; es geht um die Zwischenräume,
es geht um den Ausblick. Es ist das nicht konkret Fassbare und
Messbare, das uns einen Blick in die Weite ermöglicht. Deshalb wäre es
verfehlt wenn wir unse- Wenn wir unsere Energie darin verschwenden eine
Zaunlattenordnung mit einem dazu gehörigen Zaunlatten- Solange wir als biologische Lebewesen in dieser Welt
leben gibt es ohne Gehirn keine Bilder. Das ist eine Tat- Aber wie kommen die Bilder ins Gehirn, die aus dem Gehirn heraus kommen? Bei dieser Frage müssen wir die angeborenen Bilder im Stammhirn von den erworbenen Bildern im frontalen Cortex unterscheiden. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel zeigen. Die Nachtigall. Wie kommt die Nachtigall zum Singen?
Woher hat sie ihre Melodie? Eines ist klar: Ohne ein Gesangszentrum im
Gehirn, würde eine Nachtigall nicht singen können. Aber ein Nachtigallküken
hat in ihrem Gesangszentrum kein Muster, kein Bild, kein Gesangs-Bild, das
ihr später das Singen ermöglichen würde. Wie kommt nun das Gesangs-Bild ins
Gehirn des kleinen Vogels? Indem es vom Vatervogel geduldig aufgebaut wird.
Das Nachtigallmännchen singt dem Jungvogel etwas vor; wieder und immer
wieder – und zwar nachts, wenn es keine Singgeräusche anderer Vögel gibt,
die den Jungvogel beim Lernen irritieren könnten. Die singende Vater- Dem Prinzip nach ähnlich ist es auch beim Menschen. Was
bei der Nachtigall das Gesangszentrum ist, das Sie sollten aber nicht alles glauben, was die Vögel pfeifen. Vor allem dann nicht, wenn Sie nicht wissen nach welcher Pfeife der Vatervogel das Singen gelernt hat. Nicht jedes Bild im Gehirn ist ein nützliches Bild. Es gibt auch irreführende und destruktive Bild-Muster, die das Leben eines Menschen, einer Gemeinschaft oder einer Institution prägen können. Bilder sind wie Landkarten. Sie können auch in die Irre führen, wenn sie die Realität nicht angemessen abbilden. Außerdem gibt es alte und neue Bilder. Am stärksten
wirken jene Bilder, die man bis zur Pubertät kennen ge- Im Unterschied zu früheren Jahren weiß man heute,
dass
sich das Gehirn jedoch relativ unabhängig vom Alter Das Gehirn kann sich ändern. Es ändert oder erweitert
seine Erregungsmuster, wenn man es anders als ge- Ein Leben lang begleitet und das schöpferische Gehirn,
das einen Hunger nach Bildern hat. Diese Tatsache lässt sich nutzen, um über
Bilder cerebrale Strukturierungsprozesse anzuregen. In diesem Zusammenhang
verstehe ich unter Bilder selbstverständlich mehr als gezeichnete oder
gemalte Gesichter, Bäume oder Land- Ist die Kunsttherapie nun wissenschaftlich oder ist sie eine Illusion? Geht es dabei vielleicht um Beweisbarkeit? Aber: Was ist ein Beweis? Kann ich Ihnen beweisen, dass ich der bin für den ich mich halte? Nein. Können Sie beweisen, dass ein Mensch aufgrund eines von ihm geschaffenen Bildes zu einer Einsicht gefunden hat? Nein. Können Sie das, was Sie seelisch oder geistig nennen beweisen? Abermals nein. Ist aber etwas deswegen nicht vorhanden, weil man
es nicht beweisen kann? Hat es sich deshalb nicht ereig- Im Jahr 1918 hat der Soziologe Max Weber an der
Universität München in einem Vortrag über die Wissenschaft gesagt: "Der
Wissenschaftler kann weder eine der großen Fragen des Lebens beantworten,
noch kann er des- Das ist ein starkes Bild. Eine entkleidete Welt. Eine
nackte Welt. Dieses Bild zwingt beinahe zu der Frage: Was bleibt übrig vom Mysterium der Menschwerdung? Was bleibt übrig vom Sinn des individuellen Lebens, von der Bedeutung des Daseins? Was bleibt von all dem übrig, wenn wir es nicht messen und beweisen können? Rettet uns eventuell die Kunst aus diesem Dilemma? Ja - die Kunst! Zeigt sich vielleicht hier ein Lichtstreif am Horizont, der uns über die leidige Wissenschaft hinaus führt? Sir Karl Popper, ein anerkannten Wissenschaftsphilosoph
der zusammen mit Sir John Eccles, einem Nobel- Man mag dieser scharfen Kritik von Sir Karl Popper zustimmen, oder sie ablehnen. Beides bringt uns nicht weiter. Deshalb schlage ich vor: Sehen wir die Kunst realistisch. Sehen wir sie so, wie
sie geworden ist: Alles, was Menschen für Kunst halten ist Kunst.
Diese Definition stimmt zweifelsfrei mit den Phänomenen im Bereich der Kunst
überein mit denen wir uns heutzutage konfrontiert sehen. Dabei wäre jedoch
sofort zu fragen: Ist dieses Verständnis von Kunst aus- Nun kann man sich natürlich auch vom Anspruch der Kunst
zurückziehen indem man das, was man als Kunst- Die kommunikativen Wechselwirkungsprozesse zwischen Ich
und Selbst, sowie zwischen Ich und Welt können als Grundvoraussetzung für
Kreativität angesehen werden. Diese Kreativität ist das Resultat
interaktiver Prozes- Wer ist der Schöpfer, der das Gras grün, die Sonnenblumen
gelb und den Himmel blau macht? Die Neurowis- Es kann als gesichert gelten,
dass es neurofunktionelle
Unterschiede zwischen Selbst-Zuständen und Ich- Als Kunsttherapeutinnen und -therapeuten arbeiten Sie mit
den Bildern Ihres Patienten indem Sie mit ihm über seine Bilder reden. Hier
kommt die Kommunikation ins Spiel. Das ist der verbale und sicherlich auch
geistige Aspekt in einer kunsttherapeutischen Arbeit, der über das Malen von Bildern hinaus geht. An
diesem Punkt Sobald ein Kunsttherapeut oder eine -therapeutin mit einem Patienten über ein Bild redet, kommt das eigene Denken, kommt die eigene Weltanschauung ins Spiel. Wenn jemand meint, er würde die Bedeutung des Bildes eines Patienten kennen können, ohne dabei seine Subjektivität einzubringen, dann haben wir es wahrscheinlich mit einer Illusion zu tun. An solchen Illusionen ist überhaupt nichts auszusetzen. Man darf sich aber die Frage stellen: Wie hilfreich und wie nützlich sind solche Illusionen für den Patienten? Vielleicht hört es sich trivial an, wenn ich sage: Es
geht nicht um die Kunsttherapie, es geht um den Menschen. Und wenn es um den
Menschen geht, dann ist zu fragen, ob man mit dem Bild eines Patienten so zu
arbeiten vermag, dass diese Arbeit frei von Projektionen illusionärer Bedeutungen ist. So etwas ist möglich; aber es
er- Irgendwo habe ich diesen Satz gelesen: "Nichts setzt dem
Fortgang der Wissenschaft mehr Hindernis entge- Neueste Befunde aus der neurologischen Forschung haben
gezeigt, dass die Form wie man Fragen stellt einen Einfluss darauf hat, welche
Antworten man bekommt. Das hat mit der Eigendynamik des Gehirns zu tun und
unterstützt die Hypothese, dass das Gehirn ein schöpferisch funktionierendes
System ist. Die Konsequenz da- In den vergangenen dreißig Jahren hat man eine
folgenschwere Beobachtung gemacht: Die Art und Weise, wie man über ein
Phänomen spricht, hat einen suggestiven Einfluss darauf, welche Sprachbilder
im Gehirn des Ge- Experimentelle Studien haben eindeutige Hinweise darauf
geliefert, dass Patienten dazu gebracht werden kön- Diese Experimente sind deshalb von weit reichender Bedeutung, weil sie uns zeigen, dass man im Rahmen sogenannter therapeutischer Interventionen Pseudoerinnerungen von Geschehnisse herbeiführen kann, die gar nicht erlebt worden sind. Vor allem, wenn mit gegenständlichen Bildern und Bildthemen gearbeitet wird, die auf Vorstellungen beruhen ist es durchaus möglich, dass sich der Patient an suggerierte Erlebnisse, Gefühle oder Bedeutungen zu erinnern meint, auch wenn er sie nicht erfahren hat. Wenn Sie solche Zusammenhänge ernst nehmen, stehen Sie vor vielen Fragen: - Wie kann man eine unverzerrten Sicht auf die Dinge
erreichen? Man benötigt nicht weniger als - die Ordnung und Gestaltung durch das Wort Ein altes französisches Sprichwort sagt: Schlimmer als blind zu sein ist es, nicht sehen zu wollen. Wir sind besser im glauben, als im Sehen. Tatsächlich sehen wir fast immer nur das, was wir glauben, und gelegentlich sehen wir etwas, das wir gar nicht glauben können. Jetzt wünsche ich Ihnen, dass Ihnen diese beiden
Tagungstage, dass Ihnen die Hauptvorträge, Referate und Workshops kreative
Impulse für ihr kunsttherapeutisches Denken und Handeln vermitteln.
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