Otto Hanus

Schlüsselworte

Kunst, Künstler, Innenwelt, Außenwelt, Psychopathologie, Therapie

Vorbemerkungen

Es gab eine Zeit in der man den Begriff "Kunsttherapie" nicht gekannt hat, weil er noch nicht geboren war. Der Verfasser hat bereits im Jahr 1966 in seiner ersten Veröffentlichung, die sich mit den Themen Kunst, Künstler, Innenwelt und Außenwelt, Psychopathologie und Therapie des Schöpferischen befasst, grund- sätzliche Überlegungen dargestellt, die als ein gedankliches Konzept für eine später so genannte "Kunst- therapie" angesehen werden können. In dieser 42 Jahre zurückliegenden Veröffentlichung sind diese The- men im Licht einer phänomenologischen, humanistischen und an einer an C. G. Jung und E. Neumann orientierten Tiefenpsychologie betrachtet worden. Sie haben im Wesentlichen nichts von ihrer Bedeutung verloren; vor allem dann nicht, wenn man beim Lesen den Begriff „Künstler" gegen das Wort "Kunstthe- rapeut oder –therapeutin" austauscht. So gelesen, könnte dieser Essay auch im Jahr 2008 geschrieben worden sein, auch wenn man das eine oder andere heute unter neu hinzu gekommenen Erkenntnispers- pektiven betrachtet und interpretiert.

Kunst und Erkenntnis der Innenwelt

Dieser Essay wurde im April 1966 veröffentlicht in: Die Kunst und das schöne Heim, Bruckmann Verlag München. 7/64. Jg.

Der Bereich des Schöpferischen umgreift mehr als das, was man heute Kunst nennt. Durch die Art der Wissensvermittlung unserer Zeit wird es immer weniger selbstverständlich, dass eigentlich jeder Akt echter Erkenntnis schöpferisch ist. Schon das Spiel des Kindes ist als eine Auseinandersetzung mit der Umwelt 
und der daraus resultierenden Erkenntnis ein schöpferischer Prozess. Indem sich das Kind mit immer neu- em Seienden gleichsam spielerisch identifiziert, gewinnt es die Eigenstruktur seines Selbst und begreift die Mannigfaltigkeit des Seienden als sein Gegenüber. Es schafft ein lebendiges Verhältnis vom Ich zur Umwelt. Das ist ein Weg, der bei völliger Unvoreingenommenheit und absolutem Freisein von aufoktroyierten Be- griffen und Vorstellungen das Wesen der Dinge transparent werden lässt. Die heutige Pädagogik weiß, 
dass der Mensch innerhalb dieser Zeit des kindlich schöpferischen Spiels die wesentlichen Erkenntnisse seines Lebens leisten kann. Über die Wichtigkeit des so verstandenen Spiels in bezug auf die Kunst ist 
man sich heute ebenso im klaren. Schule und Bildung beenden in weitem Maße fast immer diese spiele- risch-schöpferische Erkenntnishaltung. Aufgezwungene und übernommene Begriffe und Formeln ersticken nur zu leicht die aktiv-lebendige Beziehung von Mensch und Umwelt.

Der Künstler ist mehr als jeder andere dazu berufen, diese Schranken zu durchbrechen und eine dem Kind analoge Erkenntnishaltung zurückzugewinnen bzw. zu bewahren, denn das Schöpferische ist die gemein- same Wurzel von Erkenntnis und Kunst. Selbst die nüchternsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind ohne einen schöpferischen Aspekt nicht denkbar. Als Kompensation zur heute einseitig intellektualistisch ausgerichteten Erkenntnis zeigt sich innerhalb der Kunst der Drang nach der Freiheit des Spiels. Indem nun aber bewusst das Spiel nur um des Spieles willen betrieben wird, ergibt sich der schizophrene Zustand, dass Kunst und Erkenntnis auseinanderfallen. Die vollkommene Zweckfreiheit des Spiels in der Kunst wird in dieser reflexiv verdorbenen Haltung herausgenommen aus dem Gesamtbereich des Schöpferischen und führt zur verantwortungslosen, immer inhaltsärmeren Spielerei, wobei vom Zugewinn neuer Erkenntnis nicht mehr die Rede sein kann (wenn ich zum Beispiel die Sehnsucht zum Ziel meiner Sehnsucht mache, hebt sie sich selbst auf). Ein Großteil der Künstler antwortet nicht mehr mit der Reinheit des Kindes den Dingen der Schöpfung. Solange diese verdorbene Spielerei im gegenständlichen Bereich bleibt und die gewohnte Hierarchie der Dinge nicht vollkommen gestört wird, ist sie harmlos, denn in bezug auf die gegenständliche Welt finden sich allen Menschen bekannte, gemeinsame Gesetzmäßigkeiten und Unterscheidungsmerkmale. Der Künstler begibt sich also nie über die Grenzen einer intersubjektiven und damit kollektivistisch vertrau- ten Weltsicht hinaus. Er betritt kein Neuland. Jedes Spiel mit ungegenständlichen Elementen ist gefährlich, weil es zur Auseinandersetzung mit noch nicht fixierten und allgemeinverständlichen Gegebenheiten heraus- fordert.

Damit sehen wir uns der Notwendigkeit gegenüber, eine grundsätzliche Unterscheidung von Innen- und Außenwelt zu treffen. Der echte Künstler sollte von der Kindheit bis ins hohe Alter kontinuierlich eine im- mer feinere Sensibilität seiner äußeren, vor allem aber seiner inneren Sinne entwickeln. Er erfährt dann den notwendigen Unterschied, der zwischen seinem Ich und der Außenwelt einerseits und einer Innenwelt an- dererseits zu treffen ist. Während es zur Entwicklung des Kindes vornehmlich nötig ist, das Mysterium der Außenwelt zu erfahren, ist der zum immer feineren Sensorium werdende Künstler berufen, die diffizile Innenwelt und ihr Mysterium zu erschließen. Der Tiefenpsychologie war es vorbehalten, auf innere trans- subjektive Realitäten wieder aufmerksam zu machen, deren erkenntnistheoretischer Problematik in diesem Rahmen leider keinesfalls genügend Beachtung entgegengebracht werden kann. C. G. Jung hat mit seiner Unterscheidung des persönlichen vom kollektiven Unbewussten Entscheidendes zur Klärung beigetragen. Diese immanent transsubjektiven Realitäten beginnt die neuere Tiefenpsychologie „in höher dimensionierte Bereiche" als die des Unbewussten „zu transzendieren, um ihnen gerecht zu werden" (G. R. Heyer: Seelen- kunde im Umbruch der Zeit, Bern 1964). Mit jedem echt schöpferischen Erschließen der Innenwelt geht ein Individuationsprozess des Künstlers einher, genau wie das Kind in seinem Spiel sich selbst an den Dingen entwickelt und gerade dadurch seiner selbst bewusst wird und die Umwelt als Gegenüber erfährt.

In früheren Zeiten wurde der Erkenntnis der so verstandenen Innenwelt genau die gleiche Bedeutung bei- gemessen wie der Erkenntnis der Außenwelt. Es sei hier nur kurz hingewiesen auf den ursprünglichen Zu- sammenhang von Kunst, Mythos, Magie, Religion und Kult. Es ist uns nicht möglich, diesen vergangenen Zustand in seiner alten Form wieder heraufzubeschwören, aber allein zur Wiederherstellung einer gesunden, wirklichkeitsgemäßen Innen-Außenwelt-Beziehung ist es nötig, sich mit der Realität einer transsubjektiven Innenwelt positiv auseinander zu setzen. Wir kommen um diese Auseinandersetzung nicht mehr herum. Das zeigt uns die moderne Psychopathologie in erschreckender Weise. Hier kann man sich davon überzeugen, zu welch gefährlichen Folgen es führen kann, wenn man die mit enormen Kräften versehenen immanenten Realitäten nicht oder zu wenig beachtet. In der akuten Psychose wird der Mensch durch die autonomen immanenten Konstellationen überwältigt, so dass sein mühevoll errichtetes und in seiner Festigkeit über- schätztes, einseitig umweltbezogenes Gefüge zusammenbricht. Indem sein labiles Ich weitgehend von diesen Konstruktionen konstituiert wird und durch keinerlei schöpferische Assimilation der „immanent transsub- jektiven" Realitäten gefestigt ist, kann es durch eine akute Expansion jener Kräfte einem totalen Zusammen- bruch überantwortet werden. Wie schwierig es nachher ist, ein solches innerweltliches Chaos positiv zu regenerieren, zeigen die mühevollen psychopathologischen Therapien. Angesichts solcher Tatsachen muss man sich fragen, ob die heutigen traditionellen Kunstrichtungen in verantwortungsloser Weise dazu beitra- gen, diese allgemein zu beobachtende geistige Desorientiertheit zu unterstützen.

Von mancher Seite kann der Einwand erhoben werden, dass auf diese Weise Kunst mit Psychologie identi- fiziert wird und der Begriff Kunst verpsychologisiert werde. Dieser Vorwurf trifft aber vielmehr jene, welche die moderne Kunst als eine rein psychisch-emotionale und daher subjektive Abreaktion und Selbstdarstel- lung begreifen. Und insofern sie das ist, und sie ist es tatsächlich häufig, sollte man ihre Beurteilung eben doch der Psychologie überlassen. Indem man die Verantwortung des Künstlers betont, die er der Realität der Außenwelt sowohl als auch jener der Innenwelt gegenüber hat, wird gerade damit die Eigenständigkeit der Kunst bestimmt. Die Ergebnisse von Forschungen auf den Gebieten der Psychologie und Psychpatho- logie haben uns eine derart differenzierte Vielfalt dieses inneren Bereiches gezeigt, dass wir mit völlig neuen Maßstäben und verfeinerten Methoden an eine Erschließung derselben herangehen müssen. Dem Künstler fällt daher innerhalb der bildenden Kunst die besondere Aufgabe zu, aufgrund seiner schöpferischen Fähig- keiten zu diesem Bereich Zugang zu finden. Er allein kann einen ursprünglichen Bezug zu jener Welt fördern, und alle weitere Erkenntnis wird immer von diesem ursprünglichen Bezug abgeleitet werden müssen.

Die Dämonendarstellungen der alten Hochkulturen als bildhafte Entsprechungen für destruktive und negative Kräfte erweisen, dass man Jahrtausende hindurch überzeugt war, vermittels einer analogen Objektivierung bestimmter innerer Bereiche diese positiv in das Leben des einzelnen mit einbeziehen zu können. Erschreck- ende Tatsachen der Außenwelt, wie chaotische Elemente oder andere Angst einflößende Dinge, können in einer bewussten Auseinandersetzung in ihrem Wesen erkannt werden. Dieser Weg ist aber ein schöpferi- scher Prozess, der von einem Angstbezug zur Außenwelt zu dem der Ehrfurcht führt. Analog ist der Weg, den der Künstler in Auseinandersetzung mit der Innenwelt zurücklegt. Die Erkenntnis der Innenwelt ist für jeden Menschen förderlich und sogar notwendig.

Ist somit jeder Mensch zum Künstler berufen? Diese Frage zeigt, wie schwer es heute ist, die Begriffe Kunst und Künstler zu präzisieren. Auf alle Fälle kann festgehalten werden, dass ohne die angeführte Grundhaltung Elaborate verschiedener Kunstgattungen in diesem Sinne nicht als Kunst angesprochen werden können. Im Hinblick auf die bildende Kunst steht außerdem fest, dass neben der notwendigen Berufung zum Künstler eine anlagebedingte Begabung für die Umsetzung immanent transsubjektiver Re- alitäten in eine ihnen analoge Form vorhanden sein sollte. Wesentliches Kriterium für Kunst in diesem Sinne ist, dass sich am Prozesscharakter der Arbeit eines Künstlers mit eindeutiger Konsequenz eine progressive Individuation ausweist. Individuation ohne Ethos ist aber unmöglich, und daraus folgt: Je klarer und reiner sich eine Individuation erweist, und je mehr sie Hand in Hand geht mit einer klaren formalen Entwicklung, desto eindeutiger und bestimmter ist die Sprache der Bilder, und desto Bestimmteres sagen sie über die Innenwelt aus. In der weiteren Folge ergibt sich, dass jene „immanent transsubjektiven Realitäten", falls 
sie in klarer eindeutiger Form zur Darstellung gebracht wurden, den Beschauer zu einer Auseinanderset- zung auffordern. Indem er s0olchermaßen betrachtend von ihnen angerührt wird, findet er Symbole für analoge Möglichkeiten in sich selbst und kann durch überraschende Expansionen dieser bereiche nicht 
mehr so leicht zerstört werden. Er weiß sie zu benennen.

Das Sichbefassen mit jenen Gegebenheiten ist heute weit verbreitet. Solche Bereiche werden vor allem durch Okkultismus und Spiritismus beschworen, zeigen sich aber ebenso in rauschhaften Zuständen als pseudokünstlerische Niederschläge. Auch diesen Fällen kann eine Faszination auf den unkritischen Be- trachter nicht abgesprochen werden. Aber er erfährt hier nicht, dass diese Bereiche eine Ordnung haben, sondern sieht sich einem ungeordneten Chaos ausgeliefert. Solche Niederschläge sind als Experiment si- cherlich interessant (Henry Michaux). Die Analogie zu der künstlerischen Bewältigung dieser Bereiche ist aber recht dürftig. Sie kann etwas drastisch mit folgendem Bild veranschaulicht werden: Eine Erschließung der "immanent transsubjektiven Realitäten" durch unschöpferischen Mystizismus führt zu keiner tieferen Erkenntnis als etwa der Rückschluss von Exkrementen auf das eigentliche Wesen der verdauten Substanz, wie genüsslich diese Verdauung auch gewesen sein mag. Hier werden lediglich periphere Fakten gegeben: tieferes Eindringen in diese Sphären und ihre Fassung in eine relativ adäquate Form ist aber nur im bereits erwähnten schöpferischen Prozess möglich. So tritt der Künstler immer tiefer in das Geheimnis des Seien- den ein. Er trägt dazu bei, die weitgehend unbekannten „immanent transsubjektiven Realitäten" zu erfassen, und schafft damit einen für den Menschen ungefährlichen Zugang zu jenen Bereichen.

Copyright Atelier Edition Hanus, München 1966


 

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