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Otto Hanus Vom Umgang mit Konkurrenz Veröffentlichung in Kurskontakte Nr. 147Konkurrenz kennt jeder. Worum geht es dabei? Offenbar ist es ein populäres Thema, bei dem viele Klischees eine Rolle spielen "Rivalität": Im lateinischen "con-correre" bedeutet es zusammen laufen, mitlaufen. Das kann man mit dem Bild eines Wettlaufs verbinden bei dem mindestens zwei ohne Beziehung nebeneinander her in dieselbe Richtung laufen. Warum machen sie das? Um festzustellen, wer von beiden schneller ankommt. Nicht das Ziel ist dabei von Bedeutung, sondern die Überlegenheit. Es geht auch nicht darum festzustellen, wessen Lauf besser oder schlechter ist; es geht einzig darum, wer als erster ankommt. Was ist der Sinn einer solchen Konkurrenzveranstaltung?
Leistung wird vergleichbar gemacht, und der sogenannte "Bessere" als
Gewinner ermittelt. Der Grund für so etwas mag darin zu finden sein, dass
sich Eine so verstandene Konkurrenz als Wettkampf macht aber nur dann Sinn, wenn alle daran Beteiligten die gleichen Ausgangsbedingungen haben, und dasselbe tun. Ein konkurrierender Wettlauf zwischen Behinder- ten und nicht Behinderten wäre völlig ohne Sinn. Auch das Ziel muss für alle dasselbe sein. Denn: Die In- dividualität von Bedürfnissen und Zielen ermöglicht keine Konkurrenz. Würde man sich an individuellen Unterschieden orientieren, könnte kein Wettbewerb stattfinden, weil der Parameter der Gleichheit nicht gegeben wäre. Der Beste in diesem Spiel konkurrierenden Wettbewerbs ist
derjenige, der das vorgegebene Ziel am schnellsten erreicht. Daraus leitet
sich der Zweck der Konkurrenz in unserem sozialen System ab. Der einzige,
der größte, der bekannteste, preiswerteste, anerkannteste Anbieter von etwas
am Markt zu sein. Wenn sich daran etwas ändert, sind es selten die Ziele,
sondern die Vorgehensweisen, wie man das Ziel erreichen kann. Daran mag man
nichts auszusetzen haben, wenn es um den Verkauf von Regalen, Autos oder
Konfektionsware geht. Man darf sich erlauben, sich nicht damit abzufinden,
wenn es um beratende Angebote auf dem sogenannten "freien Gesundheitsmarkt"
geht, wobei die Annahme, man hätte es in die- Die philosophische Voraussetzung für dieses
Konkurrenzverhalten im sozialen Feld stammt von Adam Smith, der gesagt hat:
"Wenn jeder Mensch ausschließlich seinen egoistischen Interessen folgt, wird
da- Konkurrenz. Wettkampf. Kampf. Wofür wird gekämpft? Um welchen Kampf geht es? - Der Kampf der Lebewesen um knappe materielle (oder
ideelle) Güter Miteinander, oder gegeneinander. Das ist die Frage. Die Evolutionstheoretiker sagen uns, daß das rüde Gegeneinander, bei dem sich der Einzelne oder die Gruppe um jeden Preis gegen die Anderen durchzusetzen versucht, ein natürlicher Zustand des Lebens wäre. Der größere und stärkere Affe beißt den kleineren und schwächeren Affen vom Futter und vom Weibchen weg. Wer die Natur beobachtet, wird dieses Konkurrenzverhalten zweifelsfrei bestätigt finden. Man wird aber auch im Gegensatz dazu etwas Anderes sehen: Ein soziales und fürsorgliches Miteinander, bei dem die Selbstdurchsetzung zugunsten der Gruppe zurücktritt. Auch das ist Natur. Vielleicht ist es vor diesem gedanklichen Hintergrund nicht uninteressant einige allzu simplifizierte Vorstel- lungen über die Evolution zu hinterfragen, die mit den Gedanken Spencers zu einem unheilvollen Brei ver- mengt worden sind mit dem wir gefüttert werden, um groß und stark zu sein für das "survival of the fittest" - den Kampf um das Überleben. Obwohl der Überlebenskampf bei den einzelnen Lebewesen oder einer Gruppe situationsbedingt durchaus realistisch ist, so ist es keineswegs realistisch ihn als Leitgedanken der Evolution zu verstehen. Lebende Systeme zeigen uns einerseits ihr Bemühen zu überleben; sie zeigen uns darüber hinaus aber auch Adaption, Kooperation und Lernen. Wenn aber die Fähigkeit lernen zu können eine in der biologischen Wirklichkeit angelegte Möglichkeit ist, die entwickelt und entfaltet zu werden ver- mag, dann ist es unlogisch anzunehmen, dass dieses Lernen von einem "survival of the fittest" dominiert werden würde. Genügend Beispiele zeigen uns das Gegenteil. Konkurrenz als Mittel zur Lebenserhaltung des Einzelnen
oder einer Gruppe ist eine unbarmherzige Me_- Leben wir tatsächlich ein einer Welt in der es unbedingt
erforderlich ist erbarmungslose Strategien des sich Konkurrierens
anzuwenden? Ist es "natürlich" seine Mitmenschen als Konkurrenten zu
betrachten? Ist es tatsächlich so, dass sich das Konkurrenzverhalten von den
Affenmännchen über die Steinzeit bis in unsere Gegenwart herleiten lässt?
Man kann sich dafür die passenden Gründe aussuchen, man kann es genau so Ist die Konkurrenzkampf wirklich ein naturgegebenes
Fundament für soziales Zusammenleben? Adam Offenbar ist es nicht besonders sinnvoll dorthin zu
rennen, wo alle anderen auch hin wollen, um zu sehen In jedem Fall wäre es ein Fehler, wenn man die Konkurrenz als das einzige und allein gültige Beziehungs- muster in einer Gesellschaft verstünde. Wenn es genug für alle gibt, braucht man sich nicht zu konkurrieren; dann sollte man verteilen. Aber wer kann teilen, wenn er von Gier und Geiz geprägt ist? Die Psychologie der sogenannten "männlichen" Tugenden
lässt sich in unserer Gesellschaft auf das Muster der Konkurrenz
zurückführen. Wer ist der Schnellere und Stärkere? Sei der Erste! Gib nicht
nach! Hole Die Psychologie sogenannter "weiblicher" Tugenden ist
anders. Sie entwickelt sich nicht über Abgrenzung und Konkurrenz, sondern
über Zustimmung, Kooperation, Austausch und Übereinstimmung. Wenn es stimmt,
dann haben Frauen psychologisch mehr Probleme mit Konkurrenz als Männer. Das
hat möglicher- weise damit zu tun, dass Frauen tendenziell eher an Beziehung,
am Miteinander und an Harmonie interes- Wir verändern die Welt indem wir die Möglichkeiten des Lebens, seine biologischen, psychischen und geistigen Möglichkeiten entfalten und kultivieren. Das beruht nicht auf Konkurrenz, nicht auf Wettkampf. Wenn es um die Entfaltung, um die Kultivierung des Menschlichen im Menschen geht, brauchen wir den Freiraum in dem wir uns zwischen Konkurrenz und Kooperation entscheiden können. Immerzu wird uns suggeriert, dass sozialdarwinistische Konkurrenz ein Ausdruck von Freiheit sei für deren Aufrechterhaltung man unbedingt kämpfen müsste. Genau besehen ist sie jedoch das Gegenteil. Sie ist eine Fesselung, ein gefangen Sein im irrationalen Zwang als Erster ein Ziel erreichen zu müssen. Es gehört zu den Regeln dieses gesellschaftlichen Spiels, dass der bzw. diejenigen, die am gierigsten und geizigsten sind, das Spiel gewinnen, weil jeder der weniger gierig und geizig ist auf der Strecke bleiben muss. Das Konkurrenzdenken beeinflusst nahhaltig das Verhältnis der Menschen zueinander und behindert eine Kultivierung ihrer Beziehungen. Es geht einzig und allein um das Erreichen eines Ziels, dem alles andere untergeordnet wird. Diese Überlegungen führen uns zum Lernen als eine soziale Kultur bildende Anlage des Menschen. Kein Mensch wird nämlich mit Konkurrenzdenken und den damit verbundenen Spielregeln geboren. Ebenso wenig wird der Mensch mit Kooperationskultur geboren. Das Eine muss ebenso wie das Andere gelernt werden. Man lernt es im Elternhaus und in der Gesellschaft. Es liegt also an uns, ob wir uns konkurrieren oder lieben kooperieren wollen. Die weiterführenden gedanklichen Schritte, die man den
gesundheitsfördernden Berufen wünschen könnte, sollten in die Richtung der
Kooperation führen. Konkurrenz - Mobbing ist deren übelste Variante - macht
den Menschen krank. Sie hält ihn im Zustand seiner domestizierten
Raubaffennatur fest und verhindert seine Vermenschlichung, die sich in
mitfühlender Teilhabe entfaltet. |