Otto Hanus


Freie Gesundheit - freie Gesundheitsberufe

Veröffentlicht in Kurskontakte Nr. 146

Gesundheitsfördernde Berufe auf dem freien Markt sorgen dafür, dass die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse im Bereich alternativ gesundheitlichen Denkens und Handelnsindividuell erfüllt werden können. Ansprüche von Re-
gelung und Kontrolle solcher Angebote setzen sich über diese Bedürfnisse hinweg, zumeist mit der Argument-
ation: Menschen müssen vor finanzieller Ausbeutung geschützt und vor gesundheitlichen Schäden bewahrt werden.

Wie weit soll der Gesetzgeber gehen, wie weit will man ihn gehen lassen? Wie sehr sollen Menschen beschützt werden, um alles mögliche denkbare Unbill von ihm fern zu halten? Entspräche dies der Realität des Lebens? Sind erwachsene Menschen, denen man politische Wahlen zutraut, dann, wenn es um ihre Gesundheit und psychische Bedürfnisse geht plötzlich wie unmündige Kinder zu behandeln, die eines Schutzes von "Vater Staat" bedürfen?

Gesundheitsfördernde und freie beratende Berufe auf dem freien Markt sprechen mit der Vielfalt ihrer Angebote die Entscheidungsfreiheit erwachsener Menschen an. Dabei ist es sicherlich wünschenswert, wenn man die finanzielle Ausbeutung durch unseriöse Anbieter zu verhindern sucht. Aber diesbezüglich kann man sich fragen: Wird die finanzielle Ausbeutung in anderen Lebensbereichen vom Gesetzgeber verhindert? Nein. Sie wird als marktwirtschaftliche Gegebenheit hingenommen. Nur dann, wenn diese Ausbeutung drastische Formen ange-
nommen hat, beginnt der Gesetzgeber langsam darauf zu reagieren. Gier, Geiz und Eigennutz lassen sich nicht über Verordnungen aus der Welt zu schaffen.

Werden Menschen davor geschützt, dass sie beim Kauf eines Gebrauchtwagens nicht übervorteilt werden? Nein. Warum sollten sie dann davor geschützt werden, wenn bei einem freiwillig gebuchten "Seminar beraten-
der Engel", die erhoffte Leistung nicht erbracht worden ist?

Sicher ist es von Vorteil, wenn man dafür sorgt, dass die gutgläubige Unwissenheit von Menschen nicht von Ge-
sundheitsaposteln ausgenutzt wird. Aber braucht man dafür Gesetze? Benötigt man dazu weitere Verordnun-
gen und Vorschriften mit denen reglementiert, kontrolliert und gegebenenfalls bestraft wird? Nein.

Die gesundheitsfördernden und beratenden Berufe auf dem freien Markt können eigenverantwortlich das Erfor-
derliche unternehmen, um den möglichen Missbrauch in der Freiheit der Angebote zu verhindern. Die Lösung liegt in der autonomen Qualitätssicherung, wie sie andernorts auf dem freien Markt (auch im Bereich sozial tä-
tiger Organisationen) bereits üblich ist und zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dafür macht sich der "Dachver-
band für gesundheitsfördernde Berufe" stark: Die "Frankfurter Gespräche".

Verschaffen wir uns einen Überblick über die gesundheitsfördernden Angebote, um die es geht. Angebote, die an den entsprechenden Instituten oder Zentren ausgebildet und propagiert werden (mit dieser Auflistung ist kein Anspruch von Vollständigkeit verbunden):

1 / Körperbezogene Angebote

- Yoga
- Edu Kinesthetik
- Massagen
- Zilgrei
- Bewegung
     - Tanz
     - Qigong
     - Tai Chi
     - Feldenkrais

2 / Beratende Angebote

Astrologie
Kartenlegen
Divinatorische Orakel
Channeling
Kunsttherapie
Creative Coaching
Bildsprache und Kommunikation
Arbeit am Tonfeld
Philosophische Beratung
NLP

3 / Alternativ heilende Angebote

Rückführungen
Duftstofftherapie
Edelsteintherapie
Farblichttherapie
Chakrenarbeit
Reflexzonentherapie
Schamanische Rituale
Geführte Imaginationen
Therapeutisches Zeichnen und Malen

Jedes dieser Angebote kann gut oder schlecht durchgeführt und unangemessen angewendet werden. Das ist nicht anders, wie bei allem Anderen im Leben und hängt davon ab, wie gut der Betreffende seine Sache be-
herrscht, wie erfahren er ist, wie sorgfältig und verantwortungsbewusst er damit umgeht. Auch ein Arzt, dessen Tätigkeit gesellschaftlich anerkannt ist und demnach als seriös gilt, kann in seiner Arbeit tendenziell gut oder schlecht sein. Dafür gibt es Beispiele.

Man wird die Spreu vom Weizen trennen müssen. Dazu braucht man eine von diesen Berufsgruppen akzeptierte und praktizierte Qualitätssicherung, wie sie die "Frankfurter Gespräche" anstreben. Damit könnte ansatzweise sichergestellt werden, dass nur seriöse und kompetente Anbieter ein Qualitätszertifikat bekommen, so dass ein Kunde die relative Sicher-heit hat auch bei alternativen Angeboten qualitativ gut versorgt zu werden. Anbieter, die diesen Standard nicht nachweisen können werden dann vom Markt verschwinden, weil sie nicht gefragt sind. Und wenn sie nicht verschwinden, sondern weiterhin Geld verdienen wollen, müssen sie dafür sorgen, dass sie diese qualitativen Standards erfüllen. So einfach ist das. Braucht man dafür einen Gesetzgeber?

Es ist wirkungsvoller und der Natur des Menschen angemessen, wenn sich die gesundheitsfördernden Angebote auf dem freien Markt selbst regulieren. Davon profitieren die Anbieter, weil sie sich qualifizieren müssen und die Kunden, weil sie zwischen seriösen und nicht seriösen Angeboten unterscheiden können. Es profitiert auch der Gesetzgeber, weil er sich nicht um neue Verordnungen kümmern muss. Das ist einfach zu verstehen.

Aber: Will der Gesetzgeber diesen Status der eigenverantwortlichen Regelung? Er kann ihn dann nicht wollen, wenn er aufgrund von Reglementierungen dafür sorgen will, dass es keine parallel zum Denken der Schulmedi-
zin, der akademischen Psychologie und zum mainstream der Weltanschauung existierende Angebote gibt. Ver-
bietet er sie, dann – so könnte man folgern, fließt das Geld, das für alternative Angebote ausgegeben wird in die Kassen derjenigen, die mit "anerkannten" Methoden arbeiten. Nicht das Motiv einer gesicherten gesundheitli-
chen Versorgung der Bevölkerung wäre in diesem Fall das Ziel, sondern die Umverteilung der Einnahmen.

Bereits jetzt gehen viele Patientinnen und Patienten lieber zum Heilpraktiker als zum Arzt, lieber zu einer Chan-
neling- oder Tartotkartenberatung als zum Psychotherapeuten. Warum ist das so? Weil die seelisch-geistige Komplexität des Menschen nach Möglichkeiten verlangt, die vom konventionell denkenden Gesundheitssystem und den damit verbundenen Teilbereichen nicht geboten wird. Schulmedizinische und alternative Verfahren soll-
ten koexistieren dürfen. Oder soll es so weit kommen, dass nur derjenige ein Gedicht schreiben, veröffentlichen und verkaufen darf der ein Germanistikstudium nachweisen kann?

Gesundheitsfördernde und freie beratende Berufe sind nützlich, weil sie mit ihren Angeboten und Zielen über die pragmatische Lebensbewältigung hinausreichenden Sinn stiftenden Bedürfnisse des Menschen ansprechen. Vorrangiges Ziel der gesellschaftlich legitimierten Berufe im Bereich körperlicher und psychischer Gesundheit ist die Funktionalität des Menschen im wirtschaftlichen Produktionsprozess. Auf dieses Ziel hin werden seelische Störungen beseitigt. Das ist gut so. Das ist aber nicht alles. Gesundheitskultur als Lebenskultur ist auch eine Kultivierung und Differenzierung der Menschen möglichen seelisch geistigen Anlagen. Wenn das soziokulturelle System an einem spirituellen Mangelsyndrom leidet, kann das nicht mit den konventionellen Mitteln "behandelt" und "beseitigt" werden.

Die Grenzen zwischen professioneller therapeutischer Arbeit und Sinn gebenden spirituellen Angeboten sind fließend. Niemand sollte dazu ermutigt werden seine esoterischen Angebote als heilkundlich orientierte Therapie zu verstehen und als solche zu verkaufen. Dazu benötigt man aber keine zusätzlichen Verordnungen, weil die Gesetzeslage ohnehin klar ist. Andererseits: Es gibt Menschen, die trotz jahrelanger heilkundlicher therapeu-
tischer Behandlung nicht weiter gekommen sind und denen durch eine astrologische Beratung Sinnzusammen-
hänge klar geworden sind, die sich positiv auf ihr Leben ausgewirkt haben. Soll man das verbieten? Warum und wozu? Wem würde das nützen? Damit sind wir wieder beim Geld und der Umverteilung der Einnahmen.

Die "Frankfurter Gespräche" sind als Dachverband der freien beratenden Berufe in intensiven Beratungen damit befasst jene Grundlagen zu schaffen und einzuführen, um eine eigenverantwortliche Qualitätssicherung der gesundheitsfördernden Berufe auf dem freien Markt durchzusetzen.


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