Praxis Fallbeispiele
Objektfreie
Collagenmethode in der Gruppe (Seniorenarbeit)
Johanna Mihaiu (Kunsttherapeutin, Forum A. K. T.)
Anzahl der Teilnehmer
5 Teilnehmer, 2 davon mit körperlicher
Behinderung. Durchschnittsalter 70 Jahre. Diese Gruppe besteht seit 2 Jahren
Dauer der Gruppenarbeit - setting
2 x 90 Minuten + Vorbereitungsarbeiten / Es steht ein weißes Blatt
Papier im Format
100 cm x 70 cm zur Verfügung, das auf dem Tisch liegt
Thema der Gruppenarbeit
freie Gemeinschaftsarbeit aus collagierten objektfreien Farbschnipseln,
die aus Blättern
von Malübungen ausgerissen oder ausgeschnitten worden sind
Ziel dieser Gruppenarbeit
Kreative Selbsterfahrung - Der Mensch in der Gruppe.
Zwischenmenschliche Beziehun-
gen herstellen und sich selbst in einer Gruppe erleben. Erfahren von Selbstbewusstsein durch Gestalten.
Sich aktiv äußern, sich selbst als Gestaltende und Handelnde erleben.
Förderung kreativen Erlebens und üben motorischer Fertigkeiten
Vorbereitungsarbeiten -
Schnipsel herstellen
Als Grundlage für diese Arbeit dienten objektfreie farbige
Schnipsel, die keine gegen-ständliche Bedeutung hatten
Erste Aufgabe
Jeder Teilnehmer der Gruppe sollte sich aus dem vorliegenden Haufen 3 Schnipsel aus-suchen,
die ihm gefallen und 2 Schnipsel, die Ihm nicht gefallen
Zweite Aufgabe - gegenständliches Assoziieren
"Sehen
Sie sich die ausgesuchten Schnipsel genau an. Fällt Ihnen zu den einzelnen
Schnipsel etwas ein? Was könnten diese Schnipsel sein? Werden
dadurch Erinnerungen ausgelöst? Was genau sehen sie? Empfinden sie etwas oder
können sie vielleicht sogar einen Geruch damit verbinden? Betrachten Sie auch die
Schnipsel, die ihnen nicht ge-fallen. Was genau gefällt ihnen nicht? Warum
nicht? An welche Erlebnisse werden sie erinnert?"
Rückmeldungen
Alle Teilnehmer sind sind eifrig damit beschäftigt, ein Thema zu finden.
Schließlich einigen sie sich auf das Thema "Meeresgrund". Sie sind
damit zufrieden und fanden die gemeinsame
Suche sehr spannend und anregend
Dritte Aufgabe - Die Gruppencollage
Die
Gruppe soll aus den Schnipsel und den damit verbundenen gegenständlichen
Asso-ziationen ein gemeinsames Bild gestalten zum gemeinsamen Thema
"Meeresgrund"
Im Verlauf der Arbeit wurde das Bild mehrmals aufgehängt
und betrachtet. Nach ca. 60 Minuten beschlossen die Teilnehmer, dass es
Bild fertig ist

Die Gruppencollage (das gesamte Bild)


Bildausschnitte
Rückmeldungen der
Teilnehmer
Alle sind mit ihrer Collage zufrieden und finden die gemeinsame
Arbeit an diesem Bild sehr gelungen
Vierte Aufgabe - gegenständliches Assoziieren
Die Gruppe sollte zu ihrem Bild
"Meeresgrund" Einfälle nennen (brainstorming)
Assoziationen der Gruppe
"Das
ist eine Feuerpflanze; sie ist giftig"
"Das
sind die Blumen, die wir zuhause hatten"
"Das
ist eine Muschel, die ich am Strand gefunden habe"
"Das
ist ein Boot, vielleicht ein Piratenboot mit Gold beladen"
"Das
ist ein Stück Metall, das hat keine Geschichte, deswegen gefällt es mir
nicht"
"Das
ist ein Fisch"
Fragen zum
Verlauf
"Sind
sie mit Ihrem Beitrag zufrieden ?"
"Was
haben sie währen der Collage erlebt?"
"Wie
war die Zusammenarbeit mit den anderen Teilnehmern?"
"Haben
sie für Ihre Schnipsel einen guten Platz gefunden?"
"Welche
Schnipsel haben sie nicht gemocht?"
"Wie haben sie sich mit ihren Schnipsel einbringen können?"
"Wer
hat zum Bild etwas Wichtiges beigetragen?"
"Was haben sie vermisst?"
"Konnten
sie Ihre Ideen verwirklichen?"
"Wie
war das Erlebnis und wie ist das Ergebnis?"
"Haben
die nicht gemochten Schnipsel einen Platz gefunden?"
"Wie
sehen Sie ihren Beitrag zum Bild?"
"Wie war die Zusammenarbeit?"
Rückmeldungen
Es kamen viele positive Rückmeldungen. Alle waren positiv überrascht
über die Vielfalt
der Ideen rund um farbige Schnipsel. Eine Teilnehmerin
empfand die Arbeit an der Grup-
pencollage als "euphorisch und belebend".
Die Gruppe lobt sich gegenseitig und macht sich Mut
Alle waren alle sehr zufrieden und glücklich mit
und während der Arbeit. Zum Teil wurden die nicht gemochten Schnipsel
integriert bzw. gute Plätze dafür gefunden. Die Gruppe äußert sich sehr zufrieden
über die Zusammenarbeit und über die gegenseitige Unter-
stützung bei der
Verarbeitung der nicht gemochten Schnipsel
Eine Teilnehmerin (86 Jahre) sagte,
dass sie sich ihr Beitrag anders vorgestellt hat. Durch weitere Fragen
stellte sich heraus, dass sie erkannt hat, dass die Schnipsel kei-
nen Bezug
zueinander haben und alles "zerflattert" ist. Sie hat die Idee in der
nächsten Collage einen blauen Hintergrund zu machen
Schlussbemerkungen
Die Teilnehmer waren
positiv überrascht über die eigene Auseinandersetzung mit den Farbschnipseln
und den damit verbundenen Fantasien. Die Kreativität wurde auf eine
un-gewöhnliche Art gefördert und versetzte die Teilnehmer in eine Art
kreativen "Rausch" oder "Flow"
Der Zugang zur eigenen Phantasie und
Erlebniswelt erfolgte auf eine leichte, spielerische Art und ohne allzu strenge
Ansprüche an sich selbst. Es wurden keine Ängste ausgelöst
Die Arbeit mit "angenehmen" und
"unangenehmen" Schnipseln richtet das Bewusstsein auf Dinge, die gemocht oder nicht gemocht werden. Im kreativen
Gruppenprozess wurden für die unangenehmen Dinge in Form der Schnipsel
kreative Lösungen gesucht
und ge-
funden. In der gemeinschaftlichen Erfahrung erlebten sie diese in einem anderen Kontext und sie bekamen deshalb einen anderen Stellenwert
Diese Arbeit hat die Gruppe auf
vielerlei Weise bereichert und erwies sich als die beste Gemeinschaftsarbeit
der letzten zwei Jahre
Vita

Johanna Mihaiu geb. Pesky, geboren am 17.09.1967
in Broos (Orastie) in Rumänien. Seit 2005 Ausbildung am Forum für
Analytische und Klinische Kunsttherapie, München. Kunstthe-
rapeutische
Tätigkeit im Rahmen des Betreuten Wohnens in der Anlage "Atlantum" in
Augs-
burg und Leitung von zwei Selbsterfahrungs-Malgruppen für Senioren.
Nachdem die Ziele dieser Tätigkeit mit dem Forum A. K. T. abgestimmt wurden,
biete ich seitdem Senioren einen ge-schützten Raum, in dem sie sich
kreativ erfahren können. Das vorliegende Protokoll ent-
stand in einer dieser
Gruppen. Zusammen mit Referenten des Forum A. K. T. referierte ich
in der
Universität Augsburg in der Fachrichtung Kunstpädagogik über Kunsttherapie
mit Senioren
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