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Abstract
Bildnerisches
Gestalten zur Förderung von Kreativität und Selbststeuerung im Vorschulalter
Gertraud Gspan
Diese Abschlussarbeit entwickelt auf der
Grundlage eines theoretischen Fundaments ein Grobkonzept für ein
Weiterbildungsangebot für Erzieher/innen, Eltern und andere interessierte
Erwachsene zum Thema „Bildnerisches Gestalten zur Förderung von Kreativität
und Selbststeuerung im Vorschulalter“. Die Entwicklung und Durchführung
solcher ganzheitlichen Konzepte zur Persönlichkeitsentwicklung im Bereich des
bildnerischen Gestaltens betrachtet die Autorin als pädagogisch-kunsttherapeutisches
Aufgabenfeld mit gesundheitsfördernder Präventivwirkung.
Gesellschaftliche
Umbrüche, die sich durch alle Lebens- und Arbeitsbereiche ziehen, setzen
Menschen aus tra-
dierten Strukturen und Sicherheiten frei. Der Einzelne benötigt
verstärkt Eigeninitiative, Selbststeuerungsfähigkeiten und kreative Fähigkeiten,
um sich in der Vielzahl der möglichen Identifikationsmuster, Weltanschauungen
und Wertesys-teme orientieren und die zunehmende Diskontinuität und Komplexität
der heutigen Lebensführung - die auch die Kindheit erfasst hat - erfolgreich
bewältigen zu können. Dabei geht es heute nicht mehr nur um äußerlich
Erlernbares, sondern auch um einen tragfähigen Kontakt zum eigenen Inneren und
persönliche Entwicklung, die in unserer einseitig logisch-rational betonten
Welt gerade durch Förderung kreativ-ganzheitlicher Lern- und Erfahrungsfelder
verbessert werden können.
Die
veränderten Lebensbedingungen erfordern angemessene Formen von Lernen,
Begleiten und Erziehen. Da
die früheste Kindheit die Grundlage jeder weiteren
Entwicklung bildet, ist es sinnvoll, kreative und ganzheitliche Förderung schon
von klein an zu praktizieren und Raum für diese Entwicklungsprozesse
kontinuierlich und lang-
fristig anzulegen. Ein systemisch-ganzheitliches
Menschenbild hält die Autorin für sehr geeignet, um den aktuellen
Anforderungen gerecht werden zu können und Lern- und Entwicklungsprozesse
angemessen verstehen zu können. Es vertraut in die Selbstorganisationsfähigkeit
lebender Systeme, fördert deren Selbstregulationskräfte und setzt bei den
kindlichen Ressourcen und Kompetenzen an. Fehler und Nichtwissen werden als
Lern- und Entwicklungsimpuls begriffen, eine neue Stufe von Selbstorganisation
zu erreichen. Daraus resultiert ein partnerschaftlich orientierter Erziehungs-
und Lehr-/Lernstil und ein wertschätzender Umgang aller Beteiligten
untereinander. Aus eigenen Erfahrungen als Begleitung von Lern- und
Entwicklungsprozessen im Hochschulbereich weiß die Autorin, dass Lernende
Defizite möglichst verbergen, um einer gesetzten Norm zu entsprechen, sich
gerne fremdorientieren und gerade dadurch Wachstum und Entwicklung behindern.
Lehrende haben Schwierigkeiten, sich aus der Rolle von Expert/en/innen und
Gesamtverantwortlichen zurückzuziehen in eine Beratungsrolle und den Prozess
der Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen. Im Kindergarten greifen
Erzieher/innen häufig auf eine rational-kognitive Anleitung von Malprozessen
zurück und orientieren sich an einseitig orientierten Zielvorgaben wie z.B. der
möglichst getreuen Darstellung von Natur und Welt. Das Weiterbildungsangebot
dieser Arbeit möchte seinen Beitrag dazu leisten, die bestehende Lücke
zwischen Theorie und Praxis zu schließen, indem es Erzieher/n/innen und anderen
Erwachsenen ermöglicht, ganzheitliche Malangebote durch freies Malen anzubieten
bzw. zu verbessern und dadurch brachliegende bzw. behinderte Kompetenz- und
Ressourcenentwicklung im Bereich Kreativität und Selbststeuerung zu unterstützen.
Theorien
zur Entwicklung des kindlichen Zeichnens und Malens im zweidimensionalen Raum
bewegen sich im Spannungsfeld zwischen kognitiven Theorien und
tiefenpsychologischen Auffassungen, fokussieren - ohne aufein- ander Bezug zu
nehmen - unterschiedliche Aspekte der kindlichen Entwicklung und weichen in
ihrem Verständnis des Kinderbildes erheblich voneinander ab. Kognitive Theorien
gehen von einer nach außen gerichteten visuellen Wahrnehmungsaktivität und
optischen Nachahmung der Welt bzw. bestehender Darstellungsschemata aus. Die
bildnerische Entwicklung korreliert mit dem Aufbau des senso-motorischen
Wahrnehmungssystems und einer steigenden logischen Strukturierung des Gehirns.
In der tiefenpsychologischen Auffassung sind die bildnerischen Merkmale
unmittelbar mit dem Ausdruck ontogenetischer Entwicklung und seelischem Erlebens
des Menschen insbesondere in der frühen Kindheit verbunden. Bettina Eggers
integratives Theoriemodell stellt aus Sicht der Au-
torin die Bildentwicklung des
Kindes am überzeugendsten und umfassendsten dar, weil es sowohl die frühkindli-
chen
psychophysischen als auch kognitiven Entwicklungsaspekte mit einbezieht und das
Kind in seiner Ganzheit- lichkeit berücksichtigt. Das Kind nimmt über zwei
Wahrnehmungskanäle die Umweltinformation auf, über den
intuitiv-ganzheitlichen, der dem Seinszustand bzw. einer nach innen gerichteten
Wahrnehmung entspricht und über den kognitiven, der dem Tunzustand bzw. einer
nach außen gerichteten Wahrnehmung entspricht. Im Kleinkindalter beginnt
Gestaltung als Ausdruck von Körpererfahrungen und
-empfindungen,
die einer psychischen Erlebnisqualität entsprechen. Das Kind verwandelt beim
Ausdruck der psychophysischen Wirklichkeit Erleben in Form und schafft damit die
Grundelemente der visuellen Wahrnehmung. Indem das Kind seine Aufmerksamkeit
nach innen richtet und sein Erleben malend und gestaltend bewältigt, drückt es
sich aus, formt und bildet seine Persönlichkeit und stellt sein inneres
Gleichgewicht immer wieder neu auf einer höheren Stufe von Selbstorganisation
her. Mit wachsender Reife der Sinnesorgane und des Erinnerungsvermögens gewinnt
die Darstellung an Gewicht, darunter liegt jedoch stets die elementare
Grundstruktur, die in Beziehung zur Ichstruktur des/der Malenden steht. Bei
Eggers Setting des „freien Malens“ wird dem ganzheitlich-intuitiven Kanal
genügend Raum für Entwicklung gegeben, damit mit Erreichen der Pubertät die
realistische Darstellung als Inte- gration aus den beiden Wahrnehmungs- und
Darstellungsarten gelingen kann. Diese Theorie bildet für die Autorin
die
Grundlage eines angemessenen und ganzheitlichen Verständnisses von
Kinderbildern und ist eine notwendige Bewusstseinshaltung, um Kreativität und
Selbststeuerung bei Kindern im Vorschulalter mit freiem Malen fördern
zu können.
Unter
Kreativität versteht die Autorin in dieser Arbeit das kreative Potential in
jedem Menschen, das im kreativen Tun entwickelt werden, sich verallgemeinernd
auf mehrere Lebensbereiche ausdehnen und zu einer kreativen Hal- tung führen
kann. Unter Selbststeuerung werden jene Einflüsse des Individuums verstanden,
die von ihm selbst ausgehen, wobei „selbst“ sowohl bewusste als auch
unbewusste Anteile subsummiert. Freies Malen bezeichnet eine Form von Malen, die
eine rechtshemisphärisch ganzheitlich-bildlich-emotional ablaufende
Wahrnehmungs- und Verarbeitungsart des Gehirns unterstützt und damit ein
Gegengewicht zum analytisch überbetonten Pol in Erziehung und Gesellschaft
schafft. Es knüpft an kindlichen Ressourcen und Kompetenzen an und nicht an zu
erreichenden Leistungsvorgaben. Rahmenbedingungen für freies Malen schirmen
Eindrücke und Einflüsse der Außenwelt weit- gehend ab, damit sich das Kind auf
sich selbst konzentrieren kann und ohne ein Übermaß an Außensteuerung und
Reizüberflutung zum eigenen Ausdruck finden kann. Beim freien Malen wird ein möglichst
beurteilungsfreier und vertrauensvoller Raum geschaffen. Es eröffnet vielfältige
Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten, weil es wenigen Regeln unterworfen
ist. Der Umgang mit Farbe und Form fördert die Entspannung und den Kontakt des
Kindes zu sich. Der/die Malende lernt, auf sich selbst wertschätzend einzugehen
und seine Aktivität immer stärker nach innerer Maßgabe einzurichten. Freies
Malen fördert die kreative Entwicklung des Kindes zunächst im bild- nerischen
Bereich. Das Kind trainiert z.B. seine Entscheidungsfähigkeit, übernimmt
Verantwortung für sein Handeln, vergrößert seine Ideen- und Gedankenflüssigkeit,
Umstrukturierungsfähigkeiten und Flexibilität, erarbeitet sich ein höheres
Durchhaltevermögen und eine höhere Konflikt- und Frustrationstoleranz. Mit
entsprechender Praxis kann
es diese für Kreativität und Selbststeuerung förderlichen
Persönlichkeitsbedingungen auf andere Lebensbereiche ausdehnen und zu einer
kreativen Haltung finden bzw. diese festigen. Je regelmäßiger ein Kind malt,
desto stärker werden die Bilder auf es selbst zurückwirken und innere
Entwicklungs- und Reifungsprozesse in Gang setzen. Diese psychische Entwicklung
führt wiederum zu einer tätigkeitsübergreifenden allgemeine Förderung von
Kreativitäts- faktoren des Kindes. Für kreative Lernarrangements des freien
Malens mit Vorschulkindern benötigen Begleiter/ Innen einen wertschätzenden,
offenen und empathischen Umgang mit ihnen, müssen eine vertrauensvolle und
kritikarme Atmosphäre herstellen und die Kinder bei ihrem Aneignungsprozess des
Erfahrungs- und Lerngegen- stands beraten und unterstützen können. Diese für
kreative Entwicklung förderlichen Bausteine resultieren aus einer
systemisch-ganzheitlichen Gesamthaltung und münden in kommunikativen Haltungen
wie Echtheit und Selbstkon- gruenz. Die sich daraus ableitenden konkreten
Interventionsmöglichkeiten wie Ichbotschaften senden, aktiv Zuhö-
ren,
empathisch spiegeln trainiert die Autorin in ihrem Weiterbildungsangebot. Ebenso
fließt das entworfene theo- retische Fundament in die Konzeptentwicklung des
Fortbildungsangebots ein. Themenblöcke sind die Vermittlung und Erweiterung von
ganzheitlichen Kenntnissen über die kindliche bildnerische Entwicklung im
zweidimensionalen Raum, die Schärfung der Sensibilität und des Bewusstseins für
den freien schöpferischen Ausdruck im Bild, ein Selbsterfahrungsanteil für
Teilnehmende zu der eigenen Haltung beim und zum Malen und deren Einfluss auf
die Begleitung gestalterischer Prozesse beim Kind und ein Teil Methodenkompetenz
zum Einüben eines entwick- lungsförderlichen Umgangs mit Kindern beim freien
Malen.
(c)
by Gertraud Gaspan
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