Abstract

 

Kunsttherapie mit ADS/H-Kindern

 

Gabi Finsterlin

 

 

In der vorliegenden Arbeit beleuchte ich im ersten Teil das so genannte Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (kurz ADS) mit und ohne Hyperaktivität bei Kindern in Bezug auf Symptomatik, Ursachen, Diagnostik und Ressourcen. Im mittleren Teil stelle ich drei Hypothesen auf und leite daraus meine Zielsetzung für eine kunsttherapeutische Behandlung ab, welche ich im dritten Teil anhand von drei Fallbeschreibungen untermauere. Zum Schluss reflektiere ich die angewandten Methoden.

 

ADS wird den psychischen Störungen zugeordnet und stellt eine der am häufigsten vorkommenden Erkrankungen im Kindesalter dar.

Zunächst werden kurz die verschiedenen Erklärungsmodelle über Entstehung und mögliche Ursachen dieses Syndroms beschrieben. Nachdem die Symptome bzw. Defizite, die das betroffene Kind auffällig werden lassen, eingehend behandelt werden,  beleuchte ich die Ressourcen der betroffenen Kinder.

 

Aus eigener Erfahrung im Umgang mit ADS-Kindern und beim Studium der Fachliteratur stieß ich immer wieder auf das schöpferische Potenzial dieser Kinder.

 

In Anbetracht dieses augenscheinlichen Spannungsfelds von Defiziten einerseits und  Begabungen andererseits stelle ich folgende Hypothesen auf:

 

- Mit ADS-Kindern wird vorwiegend an ihren Defiziten gearbeitet, es wird auf das „halb leere Glas“ geschaut und nicht auf die Begabungen, welche die besondere Art der Wahrnehmung mit sich bringt.

 

- Die fehlende Würdigung des schöpferischen Potenzials und das mangelnde Angebot an kreativen Methoden rufen bei diesen Kindern (und nicht nur bei den ADS-Kindern) Sekundärerkrankungen hervor. Eine davon ist das beschädigte Selbstwertgefühl. Ohne kreative Ausdrucksmöglichkeit liegt ein ganz wesentlicher Teil ihrer Ausdrucksfähigkeit und somit ihrer Persönlichkeit brach.

 

- Kunsttherapeutische Methoden eignen sich besonders für die Arbeit mit ADS-Kindern. Aufgrund meiner Ausbildung halte ich die Kunsttherapie, welche die Schöpferkraft des Menschen für den therapeutischen Prozess nutzt, für ADS-Kinder geradezu prädestiniert.

 

Die drei Kinder, deren Therapieverläufe ich im praktischen Teil beschreibe,  besuchten die Hortgruppen einer heilpädagogischen Tagesstätte südwestlich von München. Dort absolvierte ich einen Teil meines Praktikums (Beschreibung siehe Punkt 4). Ich hatte gezielt nach einer Einrichtung gesucht, die

 

a)      von vielen Kindern mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom besucht wird und

b)      in der ich freie Hand hatte und eigenständig meine Methoden entwickeln, anwenden und dokumentieren konnte.

 

Im Punkt Zielsetzung wird das Augenmerk auf die Konsequenzen, die sich aufgrund der spezifischen Symptomatik für das kunsttherapeutische Setting ergeben, gerichtet. Ich führe aus, wie durch Auswahl, Strukturierung und Reduktion des Materials das Setting speziell für diese leicht ablenkbaren Kinder vorbereitet werden  kann. Mit einem stringent vorbereiteten Setting kann den aufmerksamkeitsgestörten  Kindern geholfen werden, zur Ruhe zu kommen, ihre Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit zu richten, bei einer Sache zu bleiben und durchzuhalten. Bei ADS-Kindern ist es auch ratsam, über einen geeigneten Raum zu verfügen, der wenig Ablenkung bietet, also möglichst leer ist. Ebenso erwies es sich als günstig, dass in einer Therapiestunde nur ein vorbereitetes Material angeboten wird, das Kind also nicht mehrere Materialien zur Wahl hat. Auch das Thema der Stunde gab ich vor. Nur wenn das Kind selbst ein dringendes Thema auf dem Herzen hatte, gab ich diesem den Vorrang. In diesem eng gesteckten Rahmen hatte das Kind allerdings jede künstlerische Freiheit. Für die nächste Stunde konnten sich die Kinder auch ein Material oder Thema wünschen, dies bereitete ich dann für sie vor.

 

Obwohl die drei Buben zum Zeitpunkt der Therapie die gleiche Diagnose (ADS mit Hyperaktivität) hatten, sie gleich alt waren und alle drei getrennt von ihrem Vater aufwuchsen, stellte sich recht schnell heraus, dass jedes Kind eine ganz individuelle Behandlung verlangte.

 

Der wichtigste Faktor meiner Arbeit war, dass die Kindern Spaß an der Therapiestunde hatten. Kinder und besonders die ADS-Kinder sind in unserem Schulbetrieb und in der modernen Welt derart fremdbestimmt, so vielen Zwängen, Oberflächlichkeiten und Frustrationen ausgesetzt, dass man sie als TherapeutIn nur erreichen kann, wenn man bedingungslos auf sie eingeht und ihnen die absolute Aufmerksamkeit schenkt. Meine Aufgabe war zunächst, mit den Kindern herauszufinden: Was mache ich eigentlich gerne, was reizt mich, was finde ich spannend, was  berührt und bewegt mich?

 

Die Arbeit mit Kindern ist zum überwiegenden Teil Beziehungsarbeit. Gelingt es nicht, mit dem Kind wirklich in Beziehung zu treten, wird die Therapie nicht fruchten. Hohe Authentizität und Verlässlichkeit sowie klare Absprachen  sind für das Arbeiten mit ADS-Kindern unabdingbar, damit Entspannung und Vertrauen entstehen können.

 

Die individuelle Themen- und Materialwahl ermöglichten es mir, jedes Kind zu erreichen und auf seine jeweilige Situation und Besonderheit einzugehen. Zusätzlich zu den kunsttherapeutischen Methoden wandte ich Elemente aus der Verhaltenstherapie und aus der Kinesiologie an. Auch thematisch passende Kinder-bücher bezog ich mit ein.

 

Während der erste Junge (Ferdinand), dessen Therapieverlauf ich beschreibe, ein noch ungebrochenes Verhältnis zu seiner Kreativität hatte und seine Problematik mehr in der mangelnden Gruppenfähigkeit begründet lag, hatten die anderen beiden Jungen (Fabian und Dennis) den Zugang zu ihrer schöpferischen Kraft weitgehend verloren. Fabian hatte gestalterisch kein Zutrauen mehr in seine Fähigkeiten. Bei Dennis war die  Selbstwertproblematik umfassender. Ich arbeitete mit den Kinder jeweils 10 Stunden, so konnte ich nicht aufdeckend arbeiten und beschränkte mich im Wesentlichen auf  Ressourcenarbeit und Ich-Stärkung.

 

Zum Schluss vergleiche ich meine Erfahrungen, die ich in einer  privaten Malschule mit ADS-Kindern sammeln konnte mit den Erfahrungen, die ich mit den „Therapiekindern“ gemacht habe und stelle fest, dass es nicht genügt, kreative Methoden anzubieten. Dies ist zwar immer noch besser als gar nichts; solange jedoch unsere Leistungsgesellschaft das kreative Potenzial der ADS-Kinder nicht wertschätzt und fördert, werden diese schöpferischen Kinder unter einem „Kreativitätsmangel-Syndrom“ (V. zur Linden) leiden, Sekundärerkrankungen entwickeln und  weiterhin einer Behandlung bedürfen. Nicht zuletzt geht unserer Gesellschaft das innovative, kreative Potenzial dieser Kinder verloren.  

 

(c) by Gabi Finsterlin