Abstract
Begegnung und Berührung in zerbrechenden Welten
Kunsttherapie mit desorientierten und alten Menschen
Die vorliegende Arbeit beschreibt die Erfahrungen, die ich in einem
Senioren- und Pflegeheim während meines kunsttherapeutischen Praktikums sammeln
konnte.
Hier bot ich einmal wöchentlich eine Gruppe für alte und altersverwirrte
Menschen an.
Diesen Platz suchte ich mir für mein Praktikum, da ich davon ausging, dass dem Alter und den damit verbundenen Veränderungsprozessen und der Demenz mit kunsttherapeutischen Methoden begegnet werden kann. Dieser Aufgabe wollte ich mich stellen.
Ich gehe davon aus, dass zu unserem Menschsein Leid und Krankheitserfahrungen gehören. In der Therapie, egal welcher Art, haben wir die Möglichkeit, vielem zu begegnen, indem wir das, was uns das Leben schwer macht, betrachten, es verarbeiten oder in unser Leben integrieren. Orientierten Menschen ist es möglich, Verarbeitungs- und Integrationsprozesse anzustoßen und zu durchleben.
Menschen, die dement und damit zunehmend orientierungslos sind, bleiben diese Möglichkeiten der Lebensbewältigung versagt.
Hier hat Therapie die Aufgabe, andere Möglichkeiten zu finden, um den betroffenen Menschen zu unterstützen. Hier kann der Erkrankung, kann dem, was mit den Menschen "passiert", nur noch etwas entgegengesetzt werden.
Ein Ziel während meines Praktikums war es herauszufinden, wie und mit welchen kunsttherapeutischen Methoden der Demenz etwas entgegengesetzt werden kann. Damit verbunden war die Annahme, dass Erkrankte, deren kognitiven Fähigkeiten verschwinden, auf emotionaler, sinnlicher und seelischer Ebene berührbar sind. Eine weitere Annahme war, dass Bilder, genauso wie Gegenstände, Töne oder bestimmte Handlungsabläufe Erinnerungen hervorrufen, die emotional besetzt sind. Ich ging ebenso davon aus, dass der Umgang mit Stiften, Pinsel und Farben zu den früh erworbenen Fähigkeiten von Menschen unseres Kulturkreises gehören und deshalb für die kunsttherapeutische Arbeit abrufbar sind, wohl wissend, dass negative schulische Erfahrungen die Lust am Malen auch dauerhaft nehmen können. Mir war klar, dass die verbale Kommunikation mit desorientierten Personen nur beschränkt möglich sein würde, trotzdem wollte ich probieren, ob Erinnerungen Verbalisierungsprozesse auslösen würden.
Im Laufe meines Praktikums habe ich mich auf unterschiedlichsten Ebenen mit dem Thema "Kunsttherapie im Altenheim" auseinandergesetzt. Ich habe mich in der Zeit intensiv mit den Themen "Altern" und "Demenz" beschäftigt, verschiedenste Therapieansätze betrachtet, mir manche Ansätze angeeignet und versucht, sie in meinen Umgang mit den alten und desorientierten Personen zu integrieren.
Aus diesem Themenkomplex ergaben sich auch ganz praktische Fragen: Wann ist für die kunsttherapeutische Gruppe im Tagesverlauf die beste Zeit, welcher Raum ist angemessen und welches Setting bietet sich an? Viele Überlegungen, die die Kunsttherapie betreffen, gingen der Arbeit voraus: Welche Farben sind angebracht, wenn das Sehvermögen nachlässt und die Funktionen der Hände eingeschränkt sind? Welche alternativen Materialien stehen zur Verfügung? Welches Bildmaterial macht für die "Rezeptive Kunsttherapie" Sinn, wenn die Mehrheit der Gruppenmitglieder, mit denen ich arbeiten würde, in Gedanken in ihrer Kindheit oder Jugend leben? Inwieweit sind erprobte und in der Literatur beschriebene bzw. gelernte Methoden auf die Situation dieses Seniorenheimes übertragbar?
Der Arbeitsprozess war geprägt von unterschiedlichsten Erfahrungen. Zu Beginn meiner Tätigkeit überfrachtete ich die Menschen der kunsttherapeutischen Gruppe zum Beispiel mit Angeboten, mit Themen und Materialien. Im Verlauf meiner Arbeit lernte ich, dass an dieser Stelle die Konzentration auf "weniger" wirklich "mehr" ist und dies die Qualität der Arbeit nicht schmälert, sondern erhöht.
Auf Grund der ständigen Reflektion und der Beobachtung meines Arbeitsprozesses, der kunsttherapeutischen Gruppe und deren einzelnen Mitglieder, wurden Methoden verändert, neue entwickelt und auf solche, die sich als nicht fördernd und nicht praktikabel erwiesen, verzichtet.
Unterstützend empfand ich die Zusammenarbeit mit dem Psychogerontologen des Hauses, in dem ich tätig war, er ermutigte mich zu neuen Versuchen oder bestätigte mein Erleben bezüglich des Gelingens oder Misslingens der Arbeit. Wichtig war für mich, dass dieses Gelingen in der Arbeit immer wieder beobachtbar war. Das zeigte sich im Erleben der einzelnen Mitglieder und im Erleben der Gruppenatmosphäre.
Die Gruppe bekam im Lauf der neun Monate einen festen Platz im Stationsablauf und im individuellen Wochenverlauf der Teilnehmenden. Die orientierten Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Gruppe entschieden sich freiwillig für die Teilnahme, die desorientierten Menschen blieben gerne in der Gruppe. Für die meisten der teilnehmenden Personen konnte im Lauf der Zeit ein adäquates Arbeiten ermöglicht werden, manche blieben der Gruppe nur eine bestimmte Zeit lang erhalten, andere nahmen dauerhaft an der Gruppe teil, falls es ihnen auf Grund ihrer körperlichen Verfassung möglich war.
Bilder, die zur Verfügung standen, weckten Erinnerungen, die Integration der Bilder in Collagen unterstützte diesen Prozess. Manche Personen konnten Themen, Emotionen und Erinnerungen verbalisieren, in besonders gelungenen Gruppensituationen führten sie zu einem Gespräch der Teilnehmenden untereinander.
Der Umgang mit Farben, für manche vertraut, für andere wiederentdeckt, ermöglichte es, Ideen, Gedanken, Träume und Erinnerungen zu gestalten. Damit verbunden waren ein neues Selbsterleben und eine neue Selbstwahrnehmung der Teilnehmenden. Für andere erfüllte die Arbeit mit Ton diesen Zweck. In jedem Fall war die Erfahrung möglich, dass die Gestaltenden für ihre Bilder und Objekte Achtung und Lob erhielten, auch wenn sie selbst ihre Gestaltung erst einmal entwerteten.
Eine Grunderfahrung in dieser Zeit des Praktikums war, dass sich mein Erleben von Demenz, von Alterungsprozessen und dem damit verbundenen Abbau von Fähigkeiten, veränderte. Auch wenn mich immer wieder einzelne Schicksale erschütterten und betroffen machten, ich konnte sehen, wie sich Menschen - wenn auch nur kurzfristig - positiv verändern, wenn ihnen in einer guten Beziehung und einer angemessenen Gruppensituation adäquate kunsttherapeutische Angebote gemacht werden und sie dadurch die Möglichkeit erhalten, ein Stück ihres Lebens, ihrer Gefühle und ihrer Berührbarkeit zu zeigen.
(c) by
Susanne Fellmann-Horsch