Abstract
Morgen sterbe ich noch
nicht
Den an
Krebs erkrankten Menschen verstehen und ihn begleiten. Aufgaben und Ergebnisse
der Kunsttherapie in der Psychoonkologie
Therese Austermann
Schlüsselwörter
Kunsttherapie, Psychoonkologie, KrebspatientIn, Krebsklinik,
Krankheitsbewältigung, Ressourcen, Empathie, Sinnsuche, Angst, Tod, Autonomie,
Identität, Selbstwert, Gruppentherapie, Einzeltherapie
In dieser Arbeit geht es um die Aufgaben, die der Kunsttherapie im Rahmen der
Psychoonkologie zukommt. In zahlreichen Fallbeispielen aus dem klinischen Umfeld
mit Akutpatienten, sowie Rehabilitationspatienten, und aus
der Einzeltherapie in
der Nachsorge werden die theoretischen Erläuterungen mit praktischen Beispielen
anschaulich gemacht.
Zunächst wird im ersten Kapitel ausgehend von den medizinischen
Aspekten einer Krebserkrankung auf aktuelle Daten über die Krebserkrankung
hingewiesen. Mit zunehmender medizinischer Forschung erhöht sich die Krebs-
überlebensrate und damit die Aufgabe, mit den Folgen der Erkrankung zu
leben. Es wird über den Forschungs-
stand bezüglich der Risikofaktoren an Krebs zu
erkranken berichtet. War die Onkologie noch vor 20 Jahren fast ausschließlich
organbezogen, spielen heute immer mehr auch Aspekte der Psyche bei der
Verarbeitung und Hei-
lung einer Krebserkrankung eine Rolle. Bis heute wird über
ein erhöhtes Krebsrisiko bei bestimmten Persönlich- keitstypen spekuliert. Diese
viel diskutierte These soll hier kritisch beleuchtet werden. Es werden
verschiedene Konzepte vorgestellt, die den Krebspatienten in Kliniken,
Selbsthilfeeinrichtungen und in der Literatur angeboten werden, um besser mit
den belastenden Situationen einer Krebserkrankung selbst umgehen zu können.
Um die Arbeit der Kunsttherapie in der Psychoonkologie näher
beschreiben zu können, widme ich mich im zwei-
ten Kapitel anschließend meinem
kunsttherapeutischen Verständnis und meinen Methoden. Die Ziele meiner kunst-
therapeutischen Arbeit dienen sowohl einem möglichen positiven Einfluss auf
den weiteren Krankheitsverlauf, als auch auf die Stützung und Begleitung des
Patienten in der akuten, oft traumatischen Belastungssituation. Ich be- schreibe
die Arbeitsfelder, in denen ich meine kunsttherapeutischen Erfahrungen mit
Krebspatienten gesammelt habe. Es wird angeregt, die verschiedenen medizinischen
und sonstigen Therapieformen im klinischen Umfeld noch besser zu vernetzen,
damit sie effektiver dem Patienten zu Gute kommen. Die Kunsttherapie erweitert
das Spek-
trum der für den Krebspatienten nötigen Therapien und unterstützt den
Heilungs- und Bewältigungsprozess durch ihre Wirksamkeit.
Im dritten Kapitel wird das Erleben einer Krebsdiagnose und der
anschließenden Behandlungszeit skizziert und modellhaft in verschiedene Phasen
unterteilt. Diese Einteilung dient mir als Therapeutin dazu, den Patienten
besser
in seiner sich verändernden lebensbedrohlichen Situation zu verstehen und
adäquat reagieren zu können. Eine Angst vor der Ungewissheit im Diagnosestadium
unterscheidet sich von der Angst vor einem Eingriff und dem eventuell damit
verbundenen Verlust eines Organs oder der Todesangst im fortgeschrittenen
Krankheitsstadium. In den verschiedenen Phasen durchlebt der Patient die
unterschiedlichsten psychischen Auswirkungen, je nach seiner eigenen
Persönlichkeitsstruktur und nach dem Grad der Erkrankung. Auf diese Reaktionen
wie Verunsicherung, Angst, Wut, Trauer, Depression und vieles mehr gehe ich
anschließend sehr ausgiebig ein und verknüpfe hier die Theorie mit Beispielen
aus der Krankenhauspraxis. Wie sieht eine Kunsttherapie konkret aus, wenn ein
Patient mutlos, geschwächt und hoffnungslos ist? Wie reagiere ich als
Therapeutin und was verändert sich an dem psy- chischen Erleben des Patienten
durch das Gestalten eines Bildes oder Gegenstandes? Hier wird durch die Be-
schreibung der zahlreichen Beispiele die Hypothese von der Wirksamkeit der
Kunsttherapie untermauert, und
der Vorteil der Kunsttherapie im Gegensatz zu
einer gesprächsorientierten Therapie dargestellt: Das Lähmende, Schmerzende und
Ängstigende bekommt ein Gesicht, einen Ausdruck und kann im Außen verändert
werden. Es muss nicht viel darüber geredet werden, aber es darf da sein,
sichtbar und für andere mitteilbar sein. Das löst den Patienten aus der
Einsamkeit, alleine alles tragen zu müssen, zeigt eine Neuorientierung auf. Die
Erstarrung kann
sich lösen und die Lebensenergie kommt wieder ins Fließen. Die
geschaffenen Bilder wirken weit über die Kunst- therapiesitzung hinaus.
Noch vertiefender wird der kunsttherapeutische Prozess in
Kapitel vier am Beispiel von zwei Einzeltherapien beschrieben, die sich über
einen längeren Zeitraum erstreckten. Hier ist die Kunsttherapie Mittel und Weg
zur Veränderung und Klärung belastender Lebensthemen, die sich auf Grund der
Krebserkrankung der Patientinnen zeigten. Es konnten über eine stützende
Ressourcenarbeit hinaus Fragen der Identität und Autonomie aufgegriffen werden –
dies sind oft zentrale Themen der an Krebs erkrankten Menschen.
(c) by
Therese Austermann
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